Conditio Judaica
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In Zusammenarbeit mit:
Alfred Bodenheimer
, Mark H. Gelber , Jakob Hessing , Andree Michaelis-König und Judith Müller -
Herausgegeben von:
Hans Otto Horch
Die 1992 gegründete Buchreihe ist interdisziplinär ausgerichtet; sie umfasst wissenschaftliche Monographien, Aufsatzsammlungen und kommentierte Quelleneditionen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Der Begriff deutsch-jüdische Literatur bzw. Kultur verweist auf Werke jüdischer Autoren in deutscher Sprache, insoweit jüdische Aspekte erkennbar sind. Aber auch das häufig vom Antisemitismus geprägte Judenbild nichtjüdischer Autoren wird zu einem Faktor der literarisch vermittelten deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte. Der Erforschung des gesamten Problemfelds bietet die Reihe ein angemessenes Forum.
Fachgebiete
Im langen 19. Jh. zählt die Zerstörung Jerusalems (70 n.d.Z.) zu den am häufigsten in politischen Diskursen funktionalisierten historischen Ereignissen. Von der jüdischen Emanzipationsdebatte bis zur Etablierung des Antisemitismus fungiert sie in zentralen Texten (z.B. von C.K.W. Dohm, Moses Mendelssohn, Immanuel Wolf, Moses Hess, Wilhelm Marr oder Theodor Herzl) als historisches Exempel.
Die Studie untersucht, wie literarische Bearbeitungen des Stoffes dominante Deutungen sekundieren, rekonfigurieren oder dekonstruieren: So verdeutlicht die Vielzahl von christlich geprägten Romanen die Diskursmacht der christlichen Heilsgeschichte. Ludwig Philippsons Novelle „Der Flüchtling aus Jerusalem“ (1839) hingegen stellt die opferzentrierte Perspektive des rabbinischen Judentums in der Diaspora infrage und bietet positivere Deutungen der Tempelzerstörung an. Max Rings Romanreihe „Das Haus Hillel“ (1878) entwirft eine Gegengeschichte, die die exklusiv christliche Lesart hinterfragt.
Ein Ausblick ins frühe 20. Jh. zeigt die anhaltende Popularität des Stoffes: In Texten von Lion Feuchtwanger, Sven Hedin, Max Jungmann und Hans Kyser werden bis heute relevante Fragen über Identität, Historiographie und interkulturelle Verständigung diskutiert.
Die Romane Ohnehin (2004) und Andernorts (2010) von Doron Rabinovici, Broken German (2016) von Tomer Gardi und Die Leinwand (2010) von Benjamin Stein werden in diesem Band entgegen gängigen Verortungen in der Forschung nicht als ästhetischer Ausdruck postmoderner Theorie, sondern als Intervention in den Bereich theoretischer Auseinandersetzung gelesen. Das Außergewöhnliche der untersuchten Texte aus dem Feld deutschsprachiger jüdischer Gegenwartsliteratur besteht hier darin, nur vermeintlich literarische Paradebeispiele für populäre theoretische Zugänge zu verkörpern. Tatsächlich erweisen sie sich auf einer Meta- bzw. der empirisch-fiktionsexternen Kommunikationsebene als kritische Inszenierungen postmoderner Perspektiven im Erinnerungsdiskurs der Shoah. Obgleich sie deutlich vor dem ab 2020 öffentlichkeitswirksam ausgefochtenen Streit um das Repräsentationsverhältnis von Shoah und kolonialer Gewaltgeschichte erschienen, vermögen sie derart ein erhellendes Licht darauf zu werfen: So fördern die Romane das umstrittene theoretische Fundament zutage, auf dem die gegenwärtige Erinnerungskrise zu einem nicht geringen Teil beruht.
Der 1937 in Österreich geborene Elazar Benyoëtz ist im deutschsprachigen Raum vornehmlich als Erneuerer des deutschen Aphorismus bekannt. Bislang unerforscht ist die Mehrsprachigkeit des zeitgenössischen Schriftstellers geblieben, der als israelischer Dichter in den späten 1950er-Jahren debütierte. Die vorliegende Publikation untersucht erstmals Austausch und Begegnung der beiden Schaffenssprachen des Autors auf biographischer und literarischer Ebene. Durch neue Archivfunde und Erkenntnisse aus seiner Autorenbibliothek in Jerusalem kann Benyoëtz’ Biographie sowie die Rezeptionsgeschichte seines Gesamtwerks erheblich erweitert werden. Sein viel beachtetes deutsches Werk hat sich peu à peu durch experimentelle Übersetzungen aus dem Hebräischen entwickelt und durch vielfache Lektüre in beiden Sprachen zu seiner Form gefunden. Benyoëtz’ mehrsprachige Literatur wird dabei als vielfältiger Samen verstanden, der von der gegenseitigen Befruchtung seiner Sprachen profitiert und beim Lesen seine Blüten hervorbringt.
Im Zentrum der Werke Stefan Zweigs und Franz Werfels stehen vielfach jene Katastrophen, die in den Schrecken der beiden Weltkriege kulminierten. Um ihre eigene Zeit zu deuten, richteten die beiden österreichisch-jüdischen Schriftsteller den Blick auf den Propheten Jeremia, der einst den Untergang der Stadt Jerusalem und die Zerstörung des Tempels verkündete.
Neben einer historischen Kontextualisierung zeichnet Lukas Pallitsch das Nachleben des Propheten Jeremia in den Dichtungen von Zweig und Werfel nach und verdeutlicht, wie dessen unheimliche und tragische Züge auf verschiedenen Diskursfeldern wirksam werden – in der Poetik der Prophetentexte ebenso wie im Bereich von Zeit, Offenbarung und Buchfassungen. Dabei zeigt sich, dass sowohl Zweig mit seinem Jeremias-Drama als auch Werfel mit seinem Roman Höret die Stimme eine spezifisch jüdisch-biblische Akzentuierung setzen, aus der sich wiederum eine neue Profilierung beider Literaten ergibt: Indem ihre Werke das Gewicht Jahrtausende alter Mahnung heben, gewinnen sie an unheimlicher Aktualität und öffnen den Blick für eine Zukunft in einer bedrängenden Zeit.
In 2016, the Israeli Supreme Court ruled that Max Brod’s posthumous papers which included a collection of Kafka’s manuscripts be transferred to the National Library of Israel in Jerusalem. If Kafka’s writings may be seen to belong to Jewish national culture and if they may be considered part of Israel’s heritage, then their analysis within a Jewish framework should be both viable and valuable. This volume is dedicated to the research of Franz Kafka’s late narrative “The Burrow” and its autobiographical and theological significance. Research is extended to incorporate many fields of study (architecture, sound studies, philosophy, cultural studies, Jewish studies, literary studies) to illustrate the dynamics at work within the text which reveal the Jewish aspects implicitly thematicized. Examination of the structure created, the nature of sound perceived, the atmosphere experienced and the acts performed by the protagonist serve as the foundation of this analysis and offer new access to Kafka’s work by presenting an interpretive, space-semantic approach. “Der Bau” is presented as a life concept given the task of constituting identity, highlighting the critical link between the literary and biographical Kafka and demonstrating the necessity of understanding the author as a Jewish writer to understand his late narrative.
For her outstanding research project, Andrea Newsom Ebarb was awarded the “Forschungsförderpreis der Vereinigung der Freunde der Universität Mainz e.V.” in 2023.
Die Czernowitzer Sprachkonferenz, auf der hitzig über die Zukunft des Jiddischen debattiert wurde, gilt als wichtiger Durchbruch für die Entwicklung des Jiddischen. Sie ist zugleich einer der Höhepunkte in den Diskussionen um Sprachen und Nationen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in Mittel- und Osteuropa geführt wurde. In der innerjüdischen Debatte stellte sich die Frage, ob Jiddisch – neben Hebräisch – eine der oder sogar die nationale jüdische Sprache sein soll. Die Beiträge des vorliegenden Bandes fragen danach, welche Vorstellungen von nationalen Sprachen und Literaturen diese Auseinandersetzungen prägten. Wie gliedert sich die Czernowitzer Sprachkonferenz in die nationale Frage in Österreich-Ungarn ein? Welche Bedeutung hatte die Konferenz jenseits des Jiddischismus? Wie schlug sich die Sprachdebatte in den jüdischen Literaturen Mittel- und Osteuropas nieder? Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Ukraine, Tschechien, Polen, Kanada, der Schweiz und Deutschland gehen diesen Fragen aus den Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen nach.
Wie lässt sich das literarische Werk einer jüdischen Autorin verstehen, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über zwanzig Romane verfasste, aber rasch in Vergessenheit geriet? Diese Studie widmet sich Leben und Werk von Rebecca Friedländer (1783–1850), einer der ersten jüdischen Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum. Im Zentrum steht die Frage, ob sich ihre Romane als literarische Assimilationsstrategien lesen lassen – als Versuch, zwischen jüdischem Erbe, weiblicher Autorschaft und Adelssehnsucht eine Position in der Mehrheitsgesellschaft zu finden. Die Arbeit analysiert Friedländers Texte im kulturhistorischen Kontext der jüdischen Salonkultur, beleuchtet die Darstellung von Identitätskonflikten und das Verhältnis zwischen Herkunft und literarischer Selbstverortung. Dabei zeigt sich: Friedländers Romane spiegeln nicht nur individuelle Erfahrungen, sondern dokumentieren auch das Spannungsfeld einer Generation zwischen Anpassung und Selbstbehauptung. Die Studie leistet einen Beitrag zur Wiederentdeckung jüdischer Autorinnen und zur Sichtbarmachung weiblicher Perspektiven in der Literatur um 1800.
Der vorliegende Band widmet sich dem deutschen Landjudentum aus literaturhistorischer Perspektive und geht der Frage nach, inwiefern die jahrhundertelange Existenz jüdischer Gemeinden im ländlichen Raum erzählliterarisch auf Widerhall stieß. Den Ausgangspunkt dieser Spurensuche bildet eine historisch fundierte Klärung des Begriffs „Landjude“, der im Laufe des 19. Jahrhunderts einem Wandel unterworfen war und zusehends zum Gegenbild des kulturell assimilierten, städtischen Juden geriet. Als Projektionsfläche heranziehen und argumentativ vereinnahmen ließ sich der „Landjude“ von mancherlei Seite. So behandelt der erste Teil von „Land, Dorf, Kehilla“ wesentlich Texte nicht-jüdischer Autoren der Spät- und Gegenaufklärung, während der zweite Teil den Erzählungen jüdischer Autoren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vorbehalten bleibt und auf den zeitgenössischen innerjüdischen Diskurs abstellt.
Ernst Lissauer (1882–1937), Autor des berüchtigten „Haßgesangs gegen England“, gehört zu den stark assimilierten deutschen ‚Juden‘, die unter dem Antisemitismus mehr als Deutsche denn als Juden litten. Lissauer empfand sich zeitlebens ausschließlich als ‚deutsch‘, trat jedoch für ein ‚Deutschtum‘ ein, das auf Kultur, Geschichte und Territorium statt ‚Rasse‘ beruhte. Seine Wertvorstellungen und Ideale weisen gleichwohl große Nähe zu denen deutsch-völkischer Kreise auf. Die religiösen Vorstellungen des Dichters waren geprägt von den Ideen Arthur Bonus‘, der eine „Germanisierung des Christentums“ propagierte.Die Studie erschließt seine Weltanschauung und Identitätskonstruktion, die Position Lissauers zwischen ‚Deutschtum‘ und ‚Judentum‘ sowie Grundtendenzen des Werks, das im Umfeld der Neuromantik und des frühen Expressionismus zu verorten ist. Dazu dient auch die kommentierte Edition des Briefwechsels mit Walter A. Berendsohn, dem „Nestor“ der deutschen Exilliteraturforschung, aus den Jahren 1935–1937.
Der Band versammelt rund 220 Briefe, die der Schriftsteller David Vogel (1891–1944) und dessen (spätere) Ehefrau Ada Nadler (1900–1946) im Laufe der Jahre miteinander wechselten. Die ersten davon stammen aus der Zeit ihrer frühen Bekanntschaft, als David Vogel noch in Wien lebte und sich zum Umzug nach Frankreich entschloss, während Ada in Hamburg und Berlin ihr Fortkommen suchte. 1931 ließ sich das Paar, mittlerweile verheiratet und Eltern einer kleinen Tochter, endgültig in Paris nieder. Doch das familiäre Glück sollte nicht von Dauer sein. 1935 erlitt Ada, seit Jahren lungenkrank, einen schweren Rückfall und verbrachte die Jahre bis zu ihrem Tod, getrennt von Mann und Kind, in Sanatorien und Heilanstalten. 1939 wurde Vogel als „feindlicher Ausländer“ in Frankreich interniert und erst 1940 aus der Gefangenschaft entlassen. Aus diesem Jahr datieren die letzten Briefe ihrer Korrespondenz, die einen Zeitraum von insgesamt fünfzehn Jahren umspannt.
In ihren Briefen versichern sich Ada und David Vogel ihrer Liebe und sprechen einander Mut zu, tauschen sich aber nicht zuletzt über ganz alltägliche Dinge aus, die für das von finanzieller Not geplagte Paar eine oft unüberwindbare Herausforderung darstellten – und ihre Verzweiflung wachsen ließen.
Das bislang erfolgreichste Drama in der Geschichte des israelischen Theaters ist Sammy Gronemanns biblische Komödie „Der Weise und der Narr“, das er in deutscher Sprache in Tel Aviv schrieb, wo es 1942 in hebräischer Sprache uraufgeführt wurde. In Israel und Deutschland geriet sein Autor jedoch in Vergessenheit. Gronemanns dramatisches Gesamtwerk wird nun in der vorliegenden Publikation erstmals umfassend gewürdigt. Zugrunde liegt dabei die These, dass in Gronemanns Dramen die Entstehung des von Theodor Herzl antizipierten „neujüdischen Lustspiels“ zu beobachten ist. Im Kontext von Gronemanns literarischem Oeuvre, dessen Rezeptionsgeschichte hier dokumentiert ist, wird seine Biographie um neue Archivfunde und Erkenntnisse insbesondere aus der palästinensisch-israelischen Schaffenszeit (1936-1952) korrigiert und erweitert. Im Fokus steht hierbei die Spannung zwischen Judentum und Zionismus, insbesondere der neu-hebräischen und deutsch-jüdischen Kultur, die nach seiner 1936 erfolgten Immigration als dramatischer Konflikt in seinen Texten aufbrach.
This book is devoted to the study of the bilingual “parallel poems” of Ludwig Strauss (Aachen 1892 ˗ Jerusalem 1953) created between 1934 and 1952 in Palestine/Israel and which exist in two variants, a Hebrew and a German version, one of which is the original and the other a self-translation. The aim of this study is to compare the versions and their interpretation based on Strauss’s theoretical essays on poetry and translation, his political writings and works of literary criticism. Special attention is paid to Strauss’s concept (linked with the idea of messianic redemption) of poetry as a “fore-image” of a future true community of men and as “the earthly expression of the Absolute” directed at interpreting divine revelation and its “translation” into human language. In examining Strauss’s experiments with self-translation, by which he aimed at establishing a dialogue between languages, and between people and nations, this study considers the two processes of translation: from divine speech into human language and from one human language into another.
In diesem Band wird erstmals die teils nur noch fragmentarisch erhaltene Korrespondenz Gronemanns rekonstruiert und dadurch sein extensives Beziehungsnetzwerk erschlossen. Unter den Korrespondenzpartnern befanden sich bedeutende Politiker, Schriftsteller und Künstler, darunter u.a. bekannte Zeitgenossen wie die Zionisten Theodor Herzl, Max Nordau, Heinrich Loewe, Chaim Weizmann und David Ben-Gurion, oder die Schriftsteller Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hofmann, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Arnold Zweig, und Shaul Tchernichovsky. Außerdem stand er in Kontakt mit den Künstlern des jiddischen Avantgardetheaters Wilnaer Truppe sowie des späteren hebräischen Nationaltheaters Habima, zu deren erfolgreichen Werdegang Gronemann maßgeblich beitrug.
Die Kommentare der vorliegenden Ausgabe erschließen das bisher unveröffentlichte Archivmaterial kritisch und kontextualisieren es in der zeitgenössischen und geisteswissenschaftlichen Rezeption.
Dieser Band versammelt Kurzprosa sowie Texte aus dem teils verloren gegangenen Nachlass; darunter bisher unveröffentlichte Kurzgeschichten, Roman- und Dramenfragmente, Essays aus der politischen, juristischen sowie kulturellen Arbeit, zudem Gedichte, Parodien und Kritiken aus allen Lebensabschnitten. Neben den deutschsprachigen Originaltexten werden auch verlorengegangene, nur in hebräischer Übersetzung vorhandene Texte aus der palästinensisch-israelischen Schaffensperiode erstmals in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht.
Der Band enthält unter anderem das von Hermann Struck illustrierte Frühwerk „Die Tulpenthaliade", Parodien und satirische Portraits zionistischer Zeitgenossen, Couplets, Kurzgeschichten, darunter Kriminalgeschichten und Fragmente einer Novelle über das Leben einer jüdischen Familie in Deutschland, das Fragment eines verloren gegangenen Romans über die globale deutsch-jüdische Diaspora, Würdigungen, politische Polemiken und Feuilletons zur zionistischen Arbeit, kunsttheoretische Schriften zu jüdischem Humor und hebräischem Theater, gesellschaftskritische Beiträge aus der Berliner und Tel Aviver Zeit, sowie das Spätwerk „Targum Onkel S." – ein satirisch-lyrisches Bibelepos.
Die Kommentare der vorliegenden Ausgabe erschließen das bisher unveröffentlichte Archivmaterial kritisch und kontextualisieren es in der zeitgenössischen und geisteswissenschaftlichen Rezeption.
Sammy Gronemanns Erinnerungen sind eine wichtige Quelle für die deutsch-jüdische Geschichte und für die Entstehung der zionistischen Bewegung. Als Redner, Autor, Delegierter und Kongreßrichter unterstützte Gronemann dieses Projekt, lernte das Land selbst aber erst bei einem Besuch 1929 kennen. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten in Deutschland, und nach einem Exil-Aufenthalt in Frankreich 1933-35, wanderte er selbst mit seiner Frau Sonja nach Tel Aviv aus und wurde dort (wohl auch von sich selbst) als einer der „Jeckes“, wahrgenommen, deren zionistische Überzeugung als zweifelhaft erschien. Seine in deutscher Sprache verfassten Memoiren erschienen zuerst in hebräischer Sprache 1947 als Sikhronot shel Yekke, dann in einer Zeitschrift als Erinnerungen eines Optimisten – Zeichen dafür, „wie auch in dem Paradies des Gleichberechtigungswahnes man zur Frucht der Erkenntnis kam, wie Juden, die sich assimilieren konnten, es nicht wollten.“ Die vorliegende kritische Ausgabe umfasst die beiden Bände der von Joachim Schlör herausgegebenen deutschen Erstausgaben: Erinnerungen (2002) und Erinnerungen an meine Jahre in Berlin (2004). Die Texte wurden dank neuer Archivfunde aus Israel und Deutschland erweitert, neu kontextualisiert und, wo nötig, korrigiert.
Sammy Gronemanns letztes, vor seiner Flucht aus Deutschland geschriebenes Buch „Schalet. Beiträge zur Philosophie des ‚Wenn Schon’“ war für Carl Sternheim eine „Kulturtat“, die „bei Jude und Christ verbreitet werden“ solle, „um den Stumpfsinn unseres Zeitalters zu zerstreuen.“ Scharfsinnig und unterhaltsam analysiert darin der „Aristophanes der zionistischen Bewegung“ und „Shalom Aleichem der deutschen Juden“, wie er auch genannt wurde, das weite Spektrum und die Paradoxien des jüdischen Lebens in der Weimarer Republik.
In den Kommentaren der vorliegenden kritischen Ausgabe wird der bisherige Forschungsstand zusammengefasst, unveröffentlichtes Archivmaterial zugänglich gemacht und die zeitgenössische sowie geisteswissenschaftliche Rezeptionsgeschichte des Buches dargestellt. Der kritische Apparat erschließt dem interessierten Laien- und Fachpublikum weitere und bisher unbekannte Zusammenhänge
Mit scharfer Beobachtungskraft und talentierter Erzählkunst verarbeitet Gronemann in „Hawdoloh und Zapfenstreich" seine an der Ostfront des Ersten Weltkrieges gemachten Erfahrungen. In dieser Zeit diente er in der Presseabteilung bei Kowno und Wilna. Dort begann Gronemanns Freundschaft mit Arnold Zweig, der ihm seinerseits im „Streit um den Sergeanten Grischa" ein literarisches Portrait widmete. „Hawdoloh und Zapfenstreich" enthält eine Fülle merkwürdiger Begegnungen mit Schriftstellern und originellen Persönlichkeiten. So stellt er das einzige literarische Dokument des kuriosen „Vereins ehemaliger Intellektueller" dar und legt Zeugnis ab von einer grenzübergreifenden Kulturarbeit, die das jüdische Nachkriegsleben in der Weimarer Republik maßgeblich mitgestaltete. Neben einer in der Literatur des Ersten Weltkrieges einzigartigen Perspektive auf die osteuropäisch jüdische Welt wird auch ein intimer Blick auf die Wilnaer Truppe frei – das erste professionelle jiddische Theater, für das Gronemann in Berlin den weltweit ersten modernen Jüdischen Theaterverein gegründet hatte.
Sammy Gronemanns erster literarischer Erfolg ist der 1920 erstmals erschienene Bestseller „Tohuwabohu". Dieser satirische Zeitroman markiert den Beginn von Gronemanns literarischer Karriere und zeichnet ein humorvolles Porträt jüdischen Lebens in Berlin nach der Jahrhundertwende. Für Albert Einstein war es ein „Meisterwerk", in dem die verschiedenen Strömungen im deutschen Judentum hellsichtig dargestellt sind. Mit dem für Gronemann charakteristischen Humor erzählt der Roman von der Begegnung deutscher Juden mit der osteuropäisch-jüdischen Kultur – aus dem einzigartigen Blickwinkel des Begründers des zionistischen Lustspiels. Gronemanns vielfach übersetzter Roman begründet auch die wissenschaftliche Rezeption seines Werkes. Die vorliegende kritische Ausgabe erschließt, unter Verwendung bislang unveröffentlichtem Archivmaterials, die Intertextualität und die literarisch-historischen Kontexte des Romans; Rezeptionsgeschichte sowie Forschungsstand werden darin zusammengefasst und neue Perspektiven eröffnet.
Bereits im Alter von 13 Jahren ließ der 1875 geborene Gronemann „nichts, was mir in die Hände kam, undramatisiert“. Später schrieb der bedeutende deutsch-jüdische Humorist das erste und einzige Drama für Martin Bubers nie verwirklichte „jungjüdische Bühne“ – das Purimspiel Hamans Flucht (1900). Er feierte seinen größten Erfolge als Dramatiker nach seiner 1933 über Paris erfolgten Flucht aus Berlin in Tel Aviv, wo er der hebräischen Bühne dessen erste große Komödie schenkte: Der Weise und der Narr erlebte 1942 seine gefeierte Premiere, avancierte nach Gronemanns Tod in der Übersetzung und mit den Liedern Nathan Altermans zum ersten erfolgreichen Musical Israels; das kanonische Stück wurde und wird auf den großen Bühnen des Landes inszeniert (Ohel, Kameri, Habimah). Der 1. Band der Kritischen Gesamtausgabe versammelt erstmals alle sieben großen Theaterstücke, darunter den ersten Bühnenerfolg Jakob und Christian, sowie das wiedergefundene Versspiel Der gordische Knoten. Dem deutschen Leser zugänglich gemacht werden auch die nur in hebräischer Übersetzung erhaltenen Einakter für das satirische Matateetheater, die ebenfalls das Genre der zionistischen Komödie grundlegend prägten.
Elias Canetti hat sich beinahe sein ganzes Leben lang von Namen faszinieren lassen und sich immer wieder von Neuem gefragt: „Was ist in einem Namen?“ Seine Aufzeichnungen dokumentieren die vielfältigen Antworten auf diese Lebensfrage und belegen eindrucksvoll ihre Verwurzelung im mythischen Denken. Canetti erweist sich als ein reflektierender Mythomane, der vom Wahrheitsgehalt des Namens überzeugt war. Da er Namen zudem eine hohe poetologische Bedeutung zugemessen hat, versuchte er stets, den passenden Namen für seine Figuren zu finden. Die vorliegende Studie unternimmt es erstmals, Elias Canettis theoretische und praktische ‚Arbeit am Namen‘ systematisch und auch über Gattungsgrenzen hinweg zu untersuchen. Indem sie eine Fülle unbekannter Dokumente einbezieht, macht sie darüber hinaus die große interpretatorische Relevanz des Züricher Nachlasses deutlich. Die Werke eines der wichtigsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts erscheinen so in ganz neuem Licht.
Wie verhandeln deutsch-jüdische Schriftstellerinnen Weiblichkeit, Judentum und Großstadterfahrung? Godela Weiss-Sussex zeigt, wie in der Überkreuzung der Diskurse mehrdimensionale Entwürfe persönlicher und gesellschaftlicher Positionierung der ‚deutschen Jüdin‘ entstehen. Im Gegensatz zur männlichen oder christlichen Außenperspektive geht es hier um Auseinandersetzungen von Frauen mit der eigenen Position. Exemplarisch werden eine völkerpsychologische Abhandlung von Else Croner sowie Romane von Auguste Hauschner, Grete Meisel-Hess und Elisabeth Landau einer neuen Lektüre unterzogen. Die diskurshistorische Untersuchung, die sich auf drei Kernfragen der Moderne - Weiblichkeit, Judentum und Großstadterfahrung - konzentriert, verbindet sich mit einem philologisch-hermeneutischen Ansatz: Produktionsästhetische Fragestellungen nach den Strukturen und Strategien der Texte geben Einsicht in die Möglichkeiten literarischer Verhandlung der ‚deutschen Jüdin‘ durch jüdische Schriftstellerinnen in der Moderne und legen die Bedeutung ihrer Werke als wichtige Zeugnisse literarischer Selbstpositionierung in einer Zeit rapiden Wandels frei.
Die Erzählungen Komperts schildern atmosphärisch dicht das jüdische Leben in der böhmischen „Gasse“. Sie sind von einer interkulturellen – sprachlichen, bildungsbezogenen, räumlichen und sozialen – Problematik der Liebesbeziehungen bestimmt. Im Roman „Zwischen Ruinen“ (1875) glückt trotz psychologischer Hindernisse eine religionsübergreifende Eheverbindung, ermöglicht durch die neu eingeführte Ziviltrauung. Das steht exemplarisch für die von Kompert erhoffte Akkulturation an die christliche Mehrheitsgesellschaft bei gleichzeitiger Wahrung der jüdischen Identität. Voraussetzung dafür ist eine Religiosität, die am Wesentlichen festhält, aber flexibel auf die Erfordernisse der neuen Zeit reagiert. Allerdings ist Kompert nicht der Anwalt einer vollständigen Assimilation der Juden. Er plädiert für eine Gesellschaft, in der Majorität und Minorität, verschiedene Religionen und unterschiedliche kulturelle Traditionen nicht nur konfliktfrei Platz haben, sondern sich gegenseitig bereichern.
In zionistischer Publizistik und Literatur der Ersten Weltkriegs wird die poetische Sprache des Zionismus zu einer Sprache des Krieges transformiert. Eva Edelmann-Ohler zeichnet die Entwicklung dieser Sprache des Zionismus nach und zeigt, wie sie in einer Sprache des Krieges auf drei verschiedenen Diskursfeldern wirksam ist – im Diskurs einer Sprache der Überhöhung, von Patho-Logien und anhand von Topologien der Transgression. Dabei zeigt sich, dass die zionistischen Kriegsdeutungen auf diskursive Argumentationen und kulturelle Deutungsmuster des Zionismus rekurrieren, die vor dem Krieg entstanden sind. Literarische Resonanzen dieses Deutungsgeschehens dokumentiert die Arbeit an Texten von Franz Kafka und Arnold Zweig, wie auch anhand von weniger bekannten Arbeiten wie etwa Felix Theilhabers „Schlichten Kriegserlebnissen“ (1916).
Wie in Wien so erlebt auch in Berlin, Frankfurt, Darmstadt und andernorts das volkstümliche Unterhaltungstheater im 19. Jahrhundert eine Blütezeit mit der Posse als der dominierenden Gattung. In Berlin gibt David Kalisch der bereits etablierten Gattung ein deutlich prägnanteres Profil, nämlich mittels seines satirischen Witzes und durch oft verdeckte, aber für Eingeweihte erkennbare politische Bezüge – vor allem vor und in der Zeit der März-Revolution –, so dass er verschiedentlich sogar als „Vater der Berliner Posse“ bezeichnet wird. Wenn bis dahin Juden zumeist in Nebenrollen und vielfach als lächerliche und verspottete oder als moralisch zweifelhafte Figuren auftreten, so ist das bei Kalisch nicht grundsätzlich anders, obwohl er selbst jüdischer Herkunft ist. Allerdings ist es just ihm zu verdanken, wenn in einer bis ins 20. Jahrhundert hinein erfolgreichen Posse – „Einer von unsere Leut’“– eine rein positiv gezeichnete jüdische Hauptfigur begegnet und Aspekte des Lebens von Juden in der nicht-jüdischen Umgebung in Deutschland thematisiert werden. Die hier zusammengestellten Stücke bieten das ganze Spektrum unterschiedlicher jüdischer Figuren in Kalischs Stücken.
Dies ist die erste eingehende Biographie des deutsch-jüdischen Schriftstellers Gerson Stern. Sein Werk, das erst vor einigen Jahren neu herausgegeben wurde, behandelt wesentliche Phasen deutsch-jüdischer Geschichte: die beginnende Emanzipation im 18. Jahrhundert, die vermeintlich gelungene Integration in Deutschland und schließlich ihr Zerbrechen. Einen auf das deutsch-jüdische Kulturmilieu beschränkten Ruhm erwarb sich Stern mit dem Roman „Weg ohne Ende“ (1934) und der in Fortsetzungen in der Jüdischen Rundschau gedruckten Erzählung „Auf drei Dingen steht die Welt“ (1935). Einen weiteren bedeutenden Roman „Die Waage der Welt“ schrieb Stern nach seiner Emigration 1939 nach Palästina/Israel, wo er 1948 in hebräischer Übersetzung erschien. Die Biographie zeigt die paradigmatische Bedeutung, die Leben und Werk Sterns zukommt und lädt zur Neuentdeckung dieses Autors ein.
Die jüdische Erfahrung der Vertreibung aus dem vertrauten kulturellen, sprachlichen und sozialen Milieu zur Zeit des Dritten Reichs und die Versuche, unter den Bedingungen des Exils damit umzugehen, können in vieler Hinsicht als paradigmatisch für entsprechende Erfahrungen von Millionen von Flüchtlingen und Migranten in unseren Tagen angesehen werden. In einer im April 2011 vom German Department der Hebräischen Universität Jerusalem veranstalteten Konferenz wurden an Texten deutsch-jüdischer Exilanten die verschiedensten Identitätskonstruktionen und Zugehörigkeitsmodelle untersucht, die den Abgrund zwischen Hier und Dort überbrücken sollten. Die einzelnen Beiträge behandeln u.a. Versuche der Identitätskonstruktion bzw. -rekonstruktion deutsch-jüdischer Autoren, die in sprachlicher Isolation zu leben gezwungen waren und die öffentliche Funktion der Sprache aufgeben mussten. Alternative Konzepte von Identität und Solidarität, die von den im Namen einer Ideologie, Rasse oder Religion Verfolgten in ihren Texten entwickelt wurden, aber auch neue Wahrnehmungen von Exil, das in der jüdischen Tradition immer schon die nationale und kulturelle Identität bestimmt hat, gehören zu den Themen des Bandes.
Welche Bedeutung hat die jüdische Herkunft, geschichtliche Erfahrung und Tradition für die poetische Verfahrensweise der Dichterin Gertrud Kolmar(1894‑1943). Ausgehend von Kolmars komplexem und zunehmend gebrochenemVerhältnis zu ihrer deutsch-jüdischen Zugehörigkeit setzt sich die Studie mit verborgenen Diskursstrukturen in ihren Dichtungen auseinander. Im Mittelpunkt steht dabei das Gedicht „Garten im Sommer“ aus dem 1937 verfassten Verszyklus WELTEN. In der genauen Analyse transtextueller Spuren und ihrer diskursiven Verwobenheit, erweist sich das Gedicht als ein Kaleidoskop von Szenarien kultureller, emotionaler und geistiger Begegnung und Durchdringung des Deutschen mit dem Jüdischen aus der Perspektive eines melancholischen Endspiels. Unter der Textoberfläche der Worte und Verse werden dabei immer wieder Anspielungen und Zitierweisen wahrnehmbar, die auf ein profundes Wissen, eine präzise Kenntnisnahme und auf eine überaus differenzierte Auseinandersetzung der Dichterin hinweisen. Eine Dynamik von Untergang und Überwältigung wird sichtbar, die sich im Gedicht im „Weg des Ich vom Land zum Wasser“ spiegelt und die insgesamt die Befindlichkeit einer deutschen Jüdin um 1937 wiedergibt.
Die Briefe Berthold Auerbachs an Jakob Auerbach gehören zu den wichtigsten Quellen der deutsch-jüdischen Literatur. In einem Zeitraum von mehr als 50 Jahren (1830–1882) vertraut der Autor seinem religionspädagogisch tätigen Freund nicht nur Ereignisse seines privaten Lebens an, das unauflöslich mit der Emanzipationsproblematik der Juden verbunden ist, sondern entwirft ein plastisches Bild der literarischen und politisch-liberalen Netzwerke, in denen ihm wegen seines Judentums freilich keine unumstrittene Position eingeräumt wird. Die Erstausgabe der Briefe, 1884 herausgegeben vom Adressaten und mit einer Einleitung von Friedrich Spielhagen versehen, wird mit dieser Edition erstmalig neu aufgelegt. Die mit einem Kommentar sowie Personen- und Sachindices versehene Neuausgabe in 3 Teilbänden folgt dem neuerlichen Interesse am Briefwechsel und seinem Autor.
Der 70. Todestag Joseph Roths ist Anlass, die aktuellen Bezüge seines Werkes zu beleuchten. Seine Texte und Ansichten galten und gelten als allzu vergangenheitsbezogen; sein Hang zur Monarchie wurde belacht, sein Aufruf zum übernationalen Denken als bloße Reaktion auf das Zeitgeschehen interpretiert. Er wurde vor allem als der Erzähler des untergegangenen Habsburgerreichs oder des untergegangenen Ostjudentums gelesen.
Heute, in Zeiten des sich einigenden Europas, stellt sich das Bild anders dar: Es befremdet nicht mehr, dass ihm ideologische Bindungen ein zu enges Korsett waren und er sich selbst als Brücke zwischen Osten und Westen wahrnahm. Diese Übernationalität und Interkulturalität in Roths Werk und Leben gilt es zu würdigen.
Dieser Band präsentiert eine weitgehend unerforschte Seite des Philosophen, Anarchisten, Utopisten, Kulturzionisten und Beauftragten für Volksaufklärung der Münchener Räterepublik Gustav Landauer (1870-1919): das literarische Werk. Anhand von unveröffentlichtem Material aus dem Nachlass wie auch den veröffentlichten Texten wird die Entwicklung des sprachskeptischen Denkens Landauers nachvollzogen, das zuerst in produktiver Form in intertextuellen, intermedialen und schweigenden Schreibweisen seinen Ausdruck fand. Landauer erprobt nicht nur seine später in philosophisch-theoretischen Texten wie „Skepsis und Mystik“ ausformulierten Gedanken zuerst kreativ, sondern erweist sich auch als Vorreiter der Sprachskepsis der Jahrhundertwende mit bedeutenden Vertretern wie Hugo von Hoffmannsthal und Fritz Mauthner. Die Studie stellt Landauers Sprachdenken in den Kontexts jüdischen Sprachzweifelns seit Moses und zeigt auf, dass intertextuelle und intermediale Schreibweisen durch ihre Verschränkung mit Werken deutscher Literatur und Musik für jüdische Autoren ein Eingangsportal zu deutscher Kultur sein können. Sie leistet somit auch einen Beitrag zum Studium der kulturellen und sozialen Funktionen von Intermedialität und Intertextualität.
Das Ziel des vorliegenden Bandes ist es die besonderen Themen, Perspektiven und Aufgaben einer in Israel praktizierten Germanistik zu untersuchen und vorzustellen. Schon der Titel „Spuren der Schrift“ verweist darauf, dass die Schwerpunktsetzung die jüdische Komponente der deutschen Literatur ist. Zugleich aber geht es auch um eine Erweiterung der Germanistik. Die deutsche und deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte soll gegen den Strich der üblichen Deutungsschemata gelesen werden und das Verhältnis von Theorie und historischer Erfahrung im Rahmen der deutsch-jüdischen Literatur und Wissenschaft neu bestimmt werden. Dies stellen die hier versammelten Beiträge auf vier unterschiedliche Arten vor: Teil I widmet sich der Geschichte sowie den aktuellen Rahmenbedingungen einer Germanistik in Israel . Teil II untersucht die Möglichkeit der Entwicklung einer aus der deutsch-jüdischen Literatur selbst hervorgehenden Perspektive auf Literatur, und zwar auf jede Art von Literatur. Teil III diskutiert die allgemeine Frage des Bandes nach einer Germanistik in Israel an Fallbeispielen. Teil IV rückt die Sprache als ein Medium und Problem des Dichtens wie zugleich des philologischen Nachdenkens über Dichtung in den Mittelpunkt.
Die Studie untersucht, welche Funktion der Rückgriff auf die messianische Tradition des Judentums bei deutsch-jüdischen Intellektuellen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts hat. Messianische Denkfiguren spielen eine wichtige Rolle im jüdischen Identitätsdiskurs. Sie werden darüber hinaus für allgemeine kulturwissenschaftliche Theoriebildungen produktiv gemacht, insbesondere für die Sprach- und Geschichtsphilosophie sowie für den theologisch-politischen Komplex. Dabei säkularisieren die berücksichtigten Autoren (Benjamin, Bloch, Broch, Buber, Landauer, Rosenzweig, Scholem) alle den jüdischen Messianismus auf die eine oder andere Weise, so dass aus dem Messias etwas „Messianisches“ wird. Das heißt aber, dass man es bei den Figuren des Messianischen nicht nur mit Denkfiguren, sondern auch mit rhetorischen Figuren bzw. Tropen zu tun hat, die von verschiedenen Konstellationen von Sakralität und Säkularität in der Moderne zeugen. Spannungen zwischen Säkularem und Sakralem, aber auch zwischen kultureller Partikularität und Universalität gehören zur modernen Adaption des jüdischen Messianismus genauso wie die Möglichkeit eines dialektischen Umschlags von Kritik in Affirmation von Gewalt.
Nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust erlangte Shakespeares Kaufmann von Venedig rasch wieder seine traditionelle Stellung nah am Zentrum des bundesdeutschen Theatergeschehens. Obwohl ‑ oder gerade weil ‑ das Stück in der Figur des Geldverleihers Shylock problematische Konstruktionen „des Jüdischen“ ausstellt, wurde es zum Bezugspunkt und zum Medium schwieriger Auseinandersetzungen mit den Problemen von deutschem Hass und deutscher Schuld. Der Sammelband diskutiert wesentliche Stationen dieser widersprüchlichen Rezeptionsgeschichte aus den Perspektiven der Anglistik und Germanistik, der Theaterwissenschaft und der Erinnerungsforschung.
Walter Mehring (1896‑1981), in der Weimarer Republik einer der herausragenden satirischen Schriftsteller und Kabarett-Autoren, hat - neben Gedichten und Chansons, Romanen und essayistisch-erzählenden Texten (Die verlorene Bibliothek , 1951) - auch Dramen geschrieben. Das wichtigste unter ihnen, Der Kaufmann von Berlin (1929), spielt zur Zeit der Inflation 1923 und liefert ein facettenreiches und in den Details geistvoll-treffsicher gezeichnetes Bild der Großstadt Berlin - von der Börse bis zum Scheunenviertel - und einen politisch-sozialen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung nach dem Ersten Weltkrieg. Das Drama, das bei der Aufführung durch Erwin Piscator (1929) den größten Theaterskandal der Weimarer Republik verursachte, veranschaulicht unter anderem auch das Leben von Juden im Berlin dieser Zeit und ist vielleicht nicht zuletzt deshalb mehrfach neu gedruckt worden. Die jetzige Ausgabe erfüllt, auf der Grundlage der Erstausgabe, die Ansprüche, die man an eine kritische Ausgabe stellen kann, und erschließt heutigen Lesern den Text durch einen Kommentar, der die Bezüge zum Inflationsgeschehen ebenso berücksichtigt wie die zum jüdischen Leben in Deutschland.
Der Band nimmt mit Zeitschriftenliteratur, Illustrierten, Buchreihen, Kabarettaufführungen und Purimspielen ein breites Spektrum an populären Phänomenen deutsch-jüdischer und jiddischer Kultur von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit in den Blick. Schwerpunkte der Untersuchungen liegen in Fragen nach den Verfahrensweisen medialer und institutioneller Vermittlungsinstanzen (Presse, Verlage, Warenhäuser, Boulevard- und Volkstheater), nach der Teilhabe jüdischer Akteure an modernen Massen- und Unterhaltungskulturen und nach den Spezifika einer eigenständig ,jüdischen‘ Populärkultur. Historiker, Theater- und Literaturwissenschaftler setzen sich dabei mit den verschiedenen Konzeptualisierungen von ,Jüdischem‘ und ,Populärem‘ auseinander. Dabei wird die Unterscheidung zwischen Jüdischem und Nichtjüdischem sowie zwischen Populär- und Hochkultur immer wieder problematisiert.
Diese Studie analysiert den Werdegang Max Brods (1884‒1968) während der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts im kulturellen und politischen Prager Kontext und vor dem Hintergrund der für diesen Kontext charakteristischen Identitätsprobleme. Brod versucht zunächst, das Identitätsproblem durch eine vielfältige Produktion, in der sich der Wunsch ausdrückt, einer literarischen Bewegung anzugehören und sich seiner Identität als Schriftsteller zu versichern, sowie durch eine „indifferentistische“ Lebensphilosophie zu lösen. Als sich dieser Versuch als erfolglos erweist, entwickelt er eine persönliche Auffassung vom Judentum und von der sozialen Funktion der Juden als Vermittler. Dies bildet fortan die Grundlage seiner Identität und führt ihn dazu, eines der führenden Mitglieder des tschechoslowakischen Zionismus zu werden und eine aktive Rolle im politischen Leben der ersten Tschechoslowakischen Republik Masaryks auszufüllen, um die Anerkennung der jüdischen Nationalität zu erzwingen. Brods Identität als „jüdischer Dichter deutscher Zunge“ mündet außerdem in eine kulturelle Vermittlertätigkeit zugunsten der Mitglieder des Prager Kreises (vor allem Werfels, Kafkas, Baums und Kischs) und tschechischer Künstler, vor allem Leoš Janáč eks. Allerdings wird sie durch das Aufkommen des Nationalsozialismus grundlegend in Frage gestellt.
Nach einem Überblick über Geschichte und Theorie der Gattung Autobiographie widmet sich die Dissertation der Frage nach den spezifischen Entstehungsbedingungen der deutschsprachigen jüdischen Autobiographie, die in der jüdischen Emanzipation seit der Aufklärung zu suchen sind. Ihre formale Gestaltung ist geprägt durch die jüdische Erinnerungskultur und die Idee der Repräsentativität der Lebensläufe der Autobiographen.
Im Hauptteil werden die wesentlichen Linien der jüdischen Autobiographie im 20. Jahrhundert in ausführlichen Einzelinterpretationen dargestellt. Die Auswahl der untersuchten Texte folgt dabei den historischen Entwicklungslinien des deutsch-jüdischen Verhältnisses seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Auswahl reicht von Jakob Wassermann als einem Repräsentanten des liberalen Fortschrittsgedankens über Werner Kraft, Gershom Scholem und Ernst Toller, die die unterschiedlichen Strömungen jüdischen Lebens in Deutschland vor dem Nationalsozialismus repräsentieren, und endet mit Ludwig Greve, Ruth Klüger und Georges-Arthur Goldschmidt, die die Unmöglichkeit jüdischer Existenz im Nationalsozialismus sowie die Schwierigkeiten mit einer deutsch-jüdischen Identität nach dem Holocaust thematisieren.
Der Band untersucht die autobiographischen Projekte von Saul Friedländer und Ruth Klüger im Kontext ihres wissenschaftlichen Werkes. Sowohl Friedländer als auch Klüger betonen in ihren theoretischen Essays, dass die Interpretationen wissenschaftlicher Dokumente niemals losgelöst vom kulturellen und historischen Kontext und dem persönlichen Hintergrund des Interpreten entstehen. Eine definitive, allgemeingültige Deutung historischer und literarischer Dokumente existiert folglich nicht. Dies gilt ebenso und in besonderem Maße für die Annäherung an die persönliche Vergangenheit ‒kann diese doch immer nur über den Akt autobiographischen Erinnerns (re)konstruiert werden. Trotz ihrer Betonung der Kontextabhängigkeit von Interpretationen, die eine Vielzahl möglicher Deutungen impliziert, gehen jedoch weder Friedländer noch Klüger so weit, den referentiellen Charakter von Sprache in Frage zu stellen und die Grenze zwischen Fakten und Fiktion aufzulösen. Sowohl ihr autobiographisches als auch ihr wissenschaftliches Werk stehen vielmehr im Spannungsfeld zwischen dem Bewusstsein für die Vorläufigkeit und Subjektivität jeder Interpretation einerseits ‒ und dem Anliegen andererseits, auf eine außerhalb des Textes bestehende Realität zu verweisen. Damit nähern sich Friedländer und Klüger von den Polen ihrer traditionell entgegengesetzten wissenschaftlichen Disziplinen an: der an ‚objektiven‘, nachprüfbaren Fakten orientierten Geschichtswissenschaft ‒ und der Literaturwissenschaft, in deren Mittelpunkt die Auseinandersetzung mit Fiktion steht.
Die Studie untersucht auf der Basis der neueren Nationalismus-Forschung das Verhältnis der deutschen romantischen Schriftsteller zum Judentum. Die von Historiographie und Soziologie forcierte Einsicht, dass Nationen keine naturwüchsigen Gebilde sind, sondern als soziale Konstruktionen verstanden werden müssen, wirft auch ein neues Licht auf die in der Literaturwissenschaft oft marginalisierten antijüdischen Äußerungen von Romantikern wie Arnim, Brentano, Arndt oder Adam Müller. Die Denunziation des angeblichen „jüdischen Wesens“ dient den Romantikern dazu, ein positives Gegenbild des „Deutschen“ zu entwickeln. Dies geschieht in Preußen gerade in einer Phase, als die lange unterdrückte jüdische Minderheit durch das Emanzipationsedikt von 1812 endlich eine bessere rechtliche Stellung erhält. Die genannten Autoren sind entschiedene Gegner dieses Prozesses; in essayistischen und fiktionalen Texten versuchen sie, die Unvereinbarkeit des „Deutschen“ mit dem „Jüdischen“ darzulegen und die Bedrohung der deutschen Gemeinschaft durch den jüdischen Eindringling aufzuzeigen. Damit ist also bereits bei den Romantikern im frühen 19. Jahrhundert eine national motivierte Judenfeindschaft und mithin eine antisemitische Gesinnung zu konstatieren.
Die Studie befasst sich mit der Rezeption der Romane Hilsenraths. Die Lesarten, die Feuilleton, Literaturwissenschaft und nicht-öffentliche Stellungnahmen zutage förderten, werden dokumentiert. Basierend auf neueren Erkenntnissen der Rezeptionsforschung und Konzepten der pragmatischen Texttheorie werden die vorliegenden Dokumente als „Texte-in-Funktion“ verstanden. Das Erkenntnisinteresse ist geleitet von der Frage nach der Rolle der Literaturkritik im Fall Hilsenrath. Welche thematischen und stilistischen Festlegungen sind zu verzeichnen, wie gestaltet die Literaturkritik das Autorimage mit? Nicht zuletzt stellt sich die Frage nach der politisch-gesellschaftlichen Dimension, die diese Rezeptionsgeschichte bestimmt. Zentrale Themen wie die Darstellung von Grauen in Verbindung mit grotesken Mitteln, jüdische Figuren in der Literatur nach der Shoa sowie Shoa und Sexualität greifen ineinander und führen zu der bereits von Adorno aufgeworfenen Frage, ob eine angemessene literarische Darstellung des Grauens nach der Shoa möglich sei. Entsprechend kontrovers wird Hilsenraths Werk rezipiert. Leistet der Autor ein Stück Erinnerungsarbeit gegen das Vergessen oder ist er ein Tabubrecher, der die Opfer durch seine Art der Darstellung entwürdigt?
Der Band versammelt Beiträge zu der theatralen Darstellung von Juden im europäischen Theater zwischen 1830 und 1940. Zwischen Antijudaismus und Antisemitismus einerseits, jüdischer Renaissance und Zionismus andererseits erstreckt sich das Spannungsfeld, in dem Juden auf den Bühnen dargestellt wurden. Kultur- und mentalitätsgeschichtliche Rahmenbedingungen werden in den einzelnen Studien immer mit einbezogen. Der hier vorgelegte Band ist der erste Versuch, Werke des Sprechtheaters und des Musiktheaters unter diesem Gesichtspunkt gemeinsam zu betrachten.
Barbara Honigmanns Texte oszillieren zwischen Enthüllen und Verstecken. Dieses Leitmotiv manifestiert sich in der Genrewahl und Struktur ihrer Werke, der Sprache, der Zeichnung der Charaktere und in ihrem Doppelleben als deutschsprachige Schriftstellerin und Malerin, die in Straßburg ein religiöses Leben führt. Neben einer inhaltlichen Analyse des Prosawerkes, dessen Hauptthemen die Familienrecherche, das Exil, die Erinnerung, das Leben in der ehemaligen DDR und in Straßburg sind, wird erkundet, welchen Platz Honigmann innerhalb der jungen jüdischen Literatur einnimmt.
Dieses Buch ermöglicht den Zugang zur jüdisch-mystischen Seite ausgewählter Gedichte Paul Celans. Der Leser wird im Gedicht an einen Kreuzungspunkt mit dem bewusst oder unbewusst eingeflossenen kulturellen Wissen des Autors herangeführt. Damit wird eine Auslegung vorgeschlagen, die mit dem kulturellen Wissen und der Lektüreerfahrung des Autors übereinstimmt. So erzählen viele Gedichte Celans – kabbalistischer Praxis folgend – auch in Zahlen. Strukturzahlen und symbolische Bedeutungen von Zahlen sind demzufolge als Bedeutungsträger zu identifizieren und auszulegen.
Das Buch wurde 2008 mit dem Wissenschaftspreis der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik ausgezeichnet.
Dieser Band besteht aus 16 Beiträgen. Sie sind revidierte und erweiterte Fassungen der Vorträge, die 2004 im Rahmen internationaler Tagungen über Theodor Herzl (1860-1904) gehalten wurden, um seines hundertsten Todestages zu gedenken. Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf literarischen und kulturpolitischen Fragestellungen zu Herzl sowie auf Themen, die mit der Rezeption seiner Werke sowie seiner Persönlichkeit zu tun haben. Andere Themen, die in diesem Buch diskutiert werden, sind u.a. Herzl zwischen Mythos und Messianismus, Herzls Nationalismus, Herzl und Afrika, Herzl als Dramatiker, Herzl im Film sowie die Herzl-Rezeption in Israel und in Europa.
Mit der Analyse seines literarischen Gerechtigkeitskonzeptes wird Wassermann erstmals als Vertreter der lebensphilosophisch inspirierten Moderne vorgestellt. Ebenso wie die philosophischen, kulturellen und religiösen Diskurse der Jahrhundertwende basiert sein personal akzentuiertes Gerechtigkeitskonzept auf dem Topos des ›neuen Menschen‹, der seine spezifische Ausprägung durch Wassermanns Doppelidentität als Deutscher und Jude erhält. Für Wassermann ist der jüdische Mensch prädestiniert, die Dualität in sich zur Einheit zu bringen und damit aller Ungerechtigkeit ein Ende zu bereiten.
Die Studie befasst sich mit Paul Celans Prosatext »Gespräch im Gebirg«. Ausgangspunkt bildet Celans Bemerkung in der Büchnerpreisrede, er habe den Text »in Erinnerung an eine versäumte Begegnung« geschrieben. Die Formulierung wird auf ihre historischen, biographischen und insbesondere auf ihre poetologischen Implikationen hin befragt. Die Studie prüft kritisch die gängige Interpretation, nach der Celan im Text eine versäumte Begegnung mit Theodor W. Adorno nachhole. Durch minutiöse Lektüre, poetologische Analyse, intertextuellen Vergleich mit Texten Adornos und Einbezug von z.T. erst kürzlich veröffentlichten Briefen gelingt es ihr, ein genaues Bild der ästhetischen Gemeinsamkeiten und Differenzen von Adorno und Celan vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Diskussion um Adornos »Lyrikverdikt« zu zeichnen. Die Differenzen betreffen dabei insbesondere die Beziehung zum Judentum und den Stellenwert, den es für das ästhetische Denken spielt. Durch die Erhellung des poetologischen Gehalts der Bemerkung stößt die Studie zu einem neuen Verständnis des Prosatexts vor und kann ihn gegenüber Celans Gedichten und deren Poetik profilieren.
Bislang gibt es trotz der großen Anzahl deutsch-jüdischer Periodika (von 1806 bis 1938) nur wenige Arbeiten, die sich einzelnen Titeln widmen. »Die Freistatt« (1913/14) ist als Zeitdokument besonders interessant, weil sie als einziges deutsch-jüdisches Periodikum eine 'alljüdische' Richtung propagiert, die sich sowohl vom liberalen als auch vom zionistischen Judentum in Deutschland abgrenzt. Geprägt ist dieses Konzept vor allem durch Fritz Mordechai Kaufmann (1888--1921). Da über ihn wenig bekannt ist, steht zunächst seine Biographie im Mittelpunkt, bevor der für ihn zentrale Kontext der 'Jüdischen Renaissance' skizziert wird. Schwerpunkte liegen in der Analyse des deutsch-jüdischen Bildes vom Ostjudentum sowie der entsprechenden Literaturdiskussionen. Zudem wird die zeitgenössische Sicht jüdischer (National-)Literatur der Literaturauffassung Kaufmanns gegenübergestellt. Die Untersuchung der Programmatik und des Literaturkonzeptes der »Freistatt« steht im Zentrum der Studie. Zudem wird die "Freistatt"-Debatte als Abbild der problematischen innerjüdischen Situation der Zeit beleuchtet.
Abschließend wird Kaufmanns 'Vermächtnis' dargestellt, denn auch nach dem frühen Ende der »Freistatt« trat deren verantwortlicher Redakteur für die alljüdische Idee ein, bevor er 1921 trotz seines großen politischen wie literarischen Erfolges den Freitod wählte.
Dieser Band besteht aus 14 Beiträgen. Sie sind revidierte und erweiterte Fassungen der Vorträge, die im Rahmen einer internationalen Tagung über Stefan Zweig gehalten wurden, die 2004 in Israel stattfand. Das Hauptinteresse des Bandes gilt Zweigs biographischen Studien, z.B. zu Erasmus und Fouché, sowie verschiedenen Aspekten seiner Schriften und Karriere, die seit dem Beginn der neuen Phase der Zweig-Forschung vor etwa 25 Jahren vernachlässigt worden sind: Zweigs Begriff des Dämonischen, Zweig und das Christentum, die Diskurse der Liebe in seinen Schriften, Zweig als Verfasser der österreichischen Nachrufe, sein Theaterverständnis usw. Wissenschaftler aus Österreich, Deutschland, Frankreich, Belgien, Slowenien und Israel tragen eine Vielzahl von neuen Perspektiven und innovativen Fragestellungen zu diesem wissenschaftlichen Projekt bei.
Das Werk des erst nach seinem Tod wiederentdeckten galizischen Schriftstellers Soma Morgenstern ist geprägt von der Identitätssuche des jüdischen Intellektuellen im 20. Jahrhundert. Geflohen aus der Enge der orthodoxen Welt seiner Vorfahren, entwickelt er sich im aufgeklärten Westen zu einem entschiedenen Gegner der Assimilation, da er die Sinnlosigkeit jeder Anpassung erkennt. Dem wachsenden Antisemitismus begegnet er mit stolzer Betonung seiner jüdischen Wurzeln.
Nach der Shoah wendet er sich im amerikanischen Exil vom christlichen Europa ab, dem er die religiöse Schuld an diesem Massenmord zuweist. Seinen Roman "Die Blutsäule" schreibt er gleichwohl in einem ganz eigenen Deutsch mit vielen Anklängen an die Sprache der Bibel; insofern diese Sprache zugleich die der "verhassten" Täter bleibt, entsteht eine stilistische und ethische Spannung, die ein wesentliches Kennzeichen der Romankonstruktion ist. Inszeniert wird eine große irdische und überirdische Gerichtsverhandlung über die Täter - und über Gott, der dies alles zugelassen hat. Zum Ausgleich ertrotzen die Leitfiguren das Land Israel als neue Heimat des jüdischen Volkes.
Fünfzig Jahre nach seiner Entstehung bereichert dieser zunächst befremdende Roman die deutsche Shoahliteratur um eine besondere Facette. In der vorliegenden Studie wird dessen religiöser wie zeitgeschichtlicher und literarischer Hintergrund auf der Folie der vielfältigen Diskurse über die Shoahliteratur rekonstruiert.
New Perspectives on Freud's Moses and Monotheism stellt einige der wichtigsten aktuellen Untersuchungen zum Thema "Moses und Monotheismus" dar. Die Essays in diesem Band bieten neue Sichtweisen der Freudschen Auffassung des Judaismus, des kollektiven Traumas und der kollektiven Verdrängung, nationaler Gewalt, Geschlechterfragen, hermeneutischer Mysterien, religiöser Konstellationen, Fragen der Darstellung und Konstruktionen der Wahrheit, bei der Erforschung der Relevanz von "Moses und Monotheismus" für verschiedene Gebiete - von jüdischen Studien, Psychoanalyse, Geschichte und Ägyptologie bis hin zu Literatur, Musikwissenschaft und Kunst.
Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert vollzog sich in Deutschland die kulturelle und (unvollständige) rechtliche Emanzipation eines großen Teils der deutschen Juden; im gleichen Zeitraum begann in der deutschen Literatur die Beschäftigung mit den Phänomenen Patriotismus und Nationalismus. Die begriffsgeschichtliche Studie versucht, den Umgang deutsch-jüdischer Autoren von Moses Mendelssohn bis Berthold Auerbach mit den vieldeutigen Begriffen "Nation", "Vaterland", "Patriotismus" und "Nationalismus" vor dem Hintergrund der historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen aufzuzeigen und darzulegen, inwiefern der jüdische Hintergrund die Definitionen dieser Termini prägte. Das bis in das 19. Jahrhundert hinein verbreitete (Selbst-)Verständnis der Juden als einer eigenen Nation, die in der Theorie bestehende Verknüpfung von vaterländischer Empfindung und bürgerlichen Rechten, in deren Besitz die deutschen Juden nicht oder nur eingeschränkt waren, sowie der Einfluss antijüdischer Anfeindungen spielen hier eine wichtige Rolle. Zudem ist im jüdischen Kontext insbesondere die Sensibilität der deutsch-jüdischen Autoren gegenüber den Gefahren des wachsenden Nationalismus von Bedeutung, dem sie generell ein kosmopolitisches und voluntaristisches Verständnis von Vaterlandsliebe, welches das späte 18. Jahrhundert und die Aufklärung maßgeblich geprägt hatte, entgegensetzten.
Der deutsch-jüdische historische Roman des 19. Jahrhunderts war in der jüdischen Literatur ein neues Phänomen, hervorgegangen aus der Notwendigkeit, das deutsch-jüdische Publikum mit Lesestoff zu versorgen. Da der historische Roman beim deutschen Publikum sehr beliebt war und im Kulturkampf wirksam eingesetzt werden konnte, übernahmen ihn führende jüdische Persönlichkeiten als Vehikel zur Verbreitung von Ideen. So diente er dazu, neue Vorstellungen von Juden und Judentum zu entwickeln sowie die jüdische Geschichte neuzuschreiben, jeweils nach den ideologischen Bedürfnissen der beiden Haupt-Akteure im Kampf um die Emanzipation der Juden: die Neo-Orthodoxie und die jüdische Reformbewegung.
Rabbiner, Lehrer und sonstige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Markus Lehmann, Ludwig (und dessen Bruder Phöbus) Philippson, Hermann Reckendorf und andere schrieben Dutzende von Romanen, die zunächst in den beiden großen jüdischen Zeitungen erschienen (in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" und im "Israelit"), anschließend auch in Buchform. Romane wie "Akiba", "Jacob Tirado", "Die Geheimnisse der Juden" wurden vor allem von der Jugend viel und gern gelesen. Die Verfasser umgingen zwar alles Nationale an der jüdischen Geschichte, aber die Wahl der Themen und Motive sowie das Auftreten von jüdischen Helden waren dazu angetan, Stolz auf Juden und Jüdisches zu wecken. In Osteuropa wurden die Romane gleich nach Erscheinen ins Hebräische übersetzt, bzw. auf hebräisch neu geschrieben und dort in den Dienst der jüdisch-nationalen Erweckung gestellt. Zusammen mit philosemitischen Romanen wie "Daniel Deronda" oder "Tankred" spielten sie eine nicht unwesentliche Rolle bei der Herausbildung eines jüdischen Nationalbewusstseins und bei der Schaffung einer jüdischen National-Literatur zunächst in Europa und dann in Israel.
Die deutsch-jüdische Symbiose wird hier als ein historischer Vorgang analysiert, der nur unter den besonderen Umständen der Entstehung des Bildungsbürgertums und seiner Geschichte innerhalb der deutschen "Misere" möglich war. Ohne geschlossene Nation, ohne verbindende Hochsprache und gegen die Vormacht der französischen Kultur wurde ein Projekt "deutsche Nation" als geistige und ethische Zielvorstellung entworfen, in dem viele gebildete Juden Ähnlichkeiten zum eigenen Nationen-Bild erkennen konnten. Von Beginn an spalteten sich die Zielvorstellungen in deutsch-nationalistische und europäisch-internationalistische "Linien", die beide eine spezifische Attraktivität für Juden hatten. Das Bildungsbürgertum, von der politischen Mitverantwortung ausgeschlossen, definierte sich als politikfern und geistig; eine Auseinandersetzung mit den antijüdischen Tendenzen lehnte es ab, weshalb Symbiose und Antijudaismus in Deutschland nebeneinander vorhanden sein konnten. Auf breites Material gestützt wird die Geschichte der Symbiose verfolgt bis zu der Möglichkeit ihres Endes. Diese ergab sich durch die Internationalisierung der modernen Kunst ab 1900 einerseits, und durch den wenig später beginnenden Zionismus andererseits. In der Internationalisierung, die nach dem 1. Weltkrieg den Beitritt Deutschlands in die Völkergemeinschaft eröffnete, wären die "deutsche" und die "jüdische" Frage lösbar geworden, im Zionismus sollte die Symbiose wieder rückgängig gemacht werden. Der Nationalsozialismus beendete diese Möglichkeiten in der Vernichtung des europäischen Judentums.
Salomon Kohn (1825-1904) war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einer der bekanntesten jüdischen Schriftsteller deutscher Sprache. Literaturgeschichtlich liegt seine Leistung darin, dass er den historischen Roman in der Nachfolge Walter Scotts zu dem Genre ausbaute, in dem auf der Höhe des literarischen Zeitgeschmacks genuin jüdische Belange verhandelt werden konnten: anhand von Beispielen, die der Lokalgeschichte der Prager jüdischen Gemeinde des 16. und 17. Jahrhunderts entnommen sind, entfaltet Kohn eine literarische Diskussion des jüdischen Selbstverständnisses in der komplexen Lage der sich überlappenden Zugehörigkeiten zur deutschen Kulturnation, zum böhmischen Volk und zur jüdischen Glaubensgemeinschaft; er führt historische Gestalten vergangener Zeiten als Ansporn für die Gegenwart vor; und er propagiert eine jüdische Identität, in der Partizipation in der nichtjüdischen Gesellschaft mit der Bewahrung der Integrität der jüdischen Gemeinschaft vereinbar sind.
Der Band umfasst die drei Erzählungen »Der Retter«, »Der Kadisch vor Col-Nidre« und »Gawriel«. Die Edition wird durch historische Sacherläuterungen und Worterklärungen, eine umfassende Bibliographie und eine ausführliche Studie ergänzt, in welcher Kohns Werk im Kontext der deutsch-jüdischen literarischen und kulturellen Entwicklung im 19. Jahrhundert verortet wird. Der Band stellt damit die erste literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Autor und seinem Werk dar.
Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts wird Ghettoliteratur - meist Erzähltexte, die aus unterschiedlichen Perspektiven jüdisches Leben im Ghetto behandeln - für gut acht Jahrzehnte zum wichtigsten Genre einer sich ausdifferenzierenden jüdischen Literatur in deutscher Sprache. Die Bedeutung dieses Genres für die deutsch-jüdische Literaturgeschichte, aber auch für die Literatur Mitteleuropas liegt in seiner Formenvielfalt wie in seinem transnationalen Charakter. Nicht zuletzt durch Übersetzungen in alle westlichen Kultursprachen reicht die Wirkung dieser Texte weit über den deutschen Sprachraum hinaus. Die Dokumentation zeichnet im »Teil 1: Rezeptionsdokumente« (Bände 53 und 54) anhand von mehr als 600 kommentierten Quellen (Grundsatzartikel, Artikel über einzelne Autoren, Rezensionen, Beiträge aus Literaturgeschichten etc.) die Rezeption des Genres bis zum Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts nach. Im umfangreichen »Teil 2: Autoren und Werke der Ghettoliteratur« (Band 55) werden die Primärtexte durch eine annotierte Bibliographie auch in ihren Inhalten erschlossen. Die Biographien der knapp hundert meist jüdischen Autoren von Ghettoliteratur belegen deren Heterogenität; gleichwohl haben sie für die jüdische Minderheit ein spezifisch jüdisches Genre kreiert, das sich, wie die Rezeption zeigt, in den Kontext einer allgemeinen europäischen Literaturgeschichte integrieren ließ. Eine umfangreiche Bibliographie der Sekundärliteratur sowie Personen- und Sachindices schließen die Dokumentation ab, die als Handbuch wie als Nachschlagewerk zu nutzen ist.
Dieser Band beschäftigt sich mit der jüdischen Identität der österreichischen Dichter und Denker Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Richard Beer-Hofmann, Karl Kraus und Theodor Herzl im Kulturkontext und in der Kulturkrise des österreichischen Fin de Siècle. Sie schöpften alle mehr oder weniger bewusst aus einem reichen jüdischen Erbe, von dem sie sich entweder absetzten (Kraus, Zweig) oder dem sie sich wieder zuwandten (Beer-Hofmann, Herzl). Die dynamischen Spannungen, welche sich aus den Wechselwirkungen zwischen dem Absorbieren österreichischer Kultur einerseits und dem Geprägtsein von jahrhundertelanger jüdischer Tradition und deren Werten andererseits ergeben, finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen Reaktionen der paradigmatisch für alle europäischen Juden stehenden hier untersuchten österreichisch-jüdischen Persönlichkeiten auf die Kultur und Kulturkrise des Fin de Siècle.
Prof. Dr. Aron Freimann (1871-1948) war eine der herausragenden Persönlichkeiten der Wissenschaft des Judentums zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Forscher und Bibliothekar hat er die Hebraica- und Judaica-Sammlung der Frankfurter Universitätsbibliothek zu einer der bedeutendsten ihrer Art in Europa entwickelt und die Grundlagen des heutigen Sammelschwerpunktes für Jüdische Studien geschaffen. Freimann war über Jahre gemeindepolitisch aktiv und übernahm als letzter Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde vor ihrer Auflösung durch die Gestapo die Verantwortung. Diese Arbeit bindet die Entwicklung der Jüdischen Studien in den Kontext der Kultur- und Literaturgeschichte sowie der allgemeinen Wissenschaftsgeschichte ein. Gleichzeitig stellt sie am Beispiel der orthodoxen Frankfurter Juden den Integrationsprozeß in die Bürgerkultur und somit einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland vor dem Nationalsozialismus dar.
Dieser Band enthält die Vorträge, die auf einer internationalen Konferenz in Israel abgehalten wurden und dem Thema Franz Kafka (1883-1924) und Zionismus gewidmet waren. Kafkas Interesse an hebräischem, jiddischem und jüdischem Nationalismus sowie seine verschiedenen Beziehungen zu seinen zionistischen Freunden und seine Beteiligung an jüdisch-nationalen und zionismusnahen Aktivitäten werden aus unterschiedlichen kritischen Blickwinkel erforscht. Ebenso werden seine Schriften in dem spezifischen Rahmen des jüdischen Nationalismus und Zionismus betrachtet.
Die erste englischsprachige Untersuchung der Prosa von Albert Drach (1902-1995) arbeitet die Originalität von Drachs Autobiografie im Kontext gegenwärtiger Holocaust-Diskurse heraus. Dabei geht es um das Verhältnis zwischen Drachs komisch-grotesker Sprache und dem melancholischen Darstellungsmodus in der Holocaust-Autobiografie. Drachs Prosa legt die totalitären Mechanismen seiner Zeit zugleich leidenschaftlich und kritisch bloß.
Inhalt: Martin Swales, Introductory Remarks. - Ritchie Robertson, Cultural Stereotypes and Social Anxiety in Georg Hermann's »Jettchen Gebert«. - Tiziane Schön, Nervenschwache Generationen - begabte Neurastheniker. Georg Hermanns »Der kleine Gast« als Berliner Pendant zu Arthur Schnitzlers »Der Weg ins Freie«. - Ulrike Zitzlsperger, Berlin als soziales Umfeld im Werk Georg Hermanns. - Gundel Mattenklott, Zeitstrukturen im Romanwerk Georg Hermanns: »Die Kette«. - Laureen Nussbaum, A Sampling of Georg Hermann's »Letters about German Literature«, published in »Het Algemeen Handelsblad« 1921-1926. - Godela Weiss-Sussex, Impressionismus als Weltanschauung. Die Kunstkritik Georg Hermanns. - Gert Mattenklott, Der doppelte Spiegel. Georg Hermann über Juden in Deutschland (vor 1933). - Kerstin Schoor, »Was sollen wir Juden tun?« Der Schriftsteller Georg Hermann zur Situation und den Perspektiven deutsch-jüdischer Existenz nach 1933. - Arnold Paucker, Zur Geschichte von Georg Hermanns Nachlaß. Ein Geleitwort. - Georg Hermann, »Bist du es, oder bis du's nicht?« - Godela Weiss-Sussex, Georg Hermann, »Bist du es oder bist du's nicht?«
Die Studie beschreibt die Entwicklung von der Autobiographie zum (postmodernen) Experiment in der literarischen Darstellung der Shoah. Bei der Interpretation der Zeugnisse der Überlebenden wird die selektive Erinnerungsarbeit anhand repräsentativer Texte aus verschiedenen Literaturen im Vergleich herausgestellt. Für das Experiment ist eine Anzahl von teilweise kontrovers diskutierten Romanen (von jüdischen und nichtjüdischen Autoren, u. a. von Hilsenrath, Gary, Grossman, Amis, Thomas, Ransmayr) beispielhaft. Der jungen jüdischen Literatur in den Niederlanden ist ein eigenes Kapitel gewidmet.
Dieser Band, herausgegeben von der Universität Yale zu Ehren von Professor Jeffrey L. Sammons aus Anlass seiner Emeritierung, stellt eine Serie prägnanter Essays über deutsch-jüdische Literatur und Kulturgeschichte von der Aufklärung bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus dar. Entscheidende jüdische Persönlichkeiten wie Heinrich Heine, Ludwig Börne, Rahel Varnhagen, Berthold Auerbach, Arthur Schnitzler, Franz Kafka und Jacob Wassermann, werden vor einem neuen interessanten wissenschaftlichen Hintergrund betrachtet. Auch deutsche Schriftsteller und Persönlichkeiten wie G. E. Lessing, Goethe, Grillparzer, Jean Paul, Julius Langbehn, Houston Stewart Chamberlain und viele andere werden bei der Betrachtung der deutsch-jüdischen Literatur und Kulturgeschichte dieser Epoche einbezogen.
Die Beiträge des Bandes sind aus einem Projekt des Aachener Lehr- und Forschungsgebiets Deutsch-jüdische Literaturgeschichte im Rahmen des trilateralen Forschungsschwerpunkts der DFG »Differenzierung und Integration. Sprache und Literatur deutschsprachiger Länder im Prozeß der Modernisierung« hervorgegangen. Es ging dabei um Diskurse deutsch-jüdischer Zeitschriften im Spannungsfeld von Akkulturation, Antisemitismus und jüdischer Identitätssuche. Ausgangspunkt war die Überzeugung, daß eine Analyse jüdischer Periodika in besonderer Weise geeignet ist, Lebensfragen der jüdischen Minderheit in den deutschsprachigen Ländern (Deutsches Kaiserreich, Habsburger Doppelmonarchie, Schweiz) auf allen wichtigen Feldern der Politik wie der Kultur zu rekonstruieren, ohne daß die Unmittelbarkeit der Auseinandersetzung zugunsten abstrahierender Thesen eingeebnet wird. In der Meinungsvielfalt des Mediums Presse sind Positionen in der Regel noch nicht endgültig fixiert, sondern bilden sich erst allmählich heraus. Es geht im wesentlichen um die Frage multipler Identitätsbestimmungen angesichts innerjüdischer wie äußerer Herausforderungen.
Im einzelnen werden in diesem Band exemplarisch folgende Themen behandelt: I. Zion und "Zionismus". Die deutsch-jüdische Presse und der Erste Baseler Zionistenkongreß (Achim Jaeger/Beate Wunsch); II. »Ein Gespenst geht um in Deutschland [...]«. Die "Ostjudenfrage" im Spiegel der deutschsprachigen jüdischen Presse während des Ersten Weltkriegs (Wilhelm Terlau/Beate Wunsch); III. Drei Stimmen im Weltkrieg. Die »Jüdischen Monatshefte«, das »Jüdische Jahrbuch für die Schweiz« und »Die Wahrheit. Unabhängige Zeitschrift für jüdische Interessen« (Beate Wunsch), IV. »Selbstwehr« - eine zionistische Zeitung im Ersten Weltkrieg (Wilhelm Terlau).
Der Stern der Erlösung (1921) von Franz Rosenzweig (1886–1929) gehört zu den großen systematischen Werken der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Zugleich ist es der – für viele Interpreten heute noch aktuelle – Versuch, ein neues jüdisches Selbstverständnis im Rückgriff auf die Bibel und in Abgrenzung vom assimilierten Judentum zu begründen.
Was sind die Quellen, aus denen Rosenzweig seine Inspiration schöpft? Mit welchen philosophischen und theologischen Autoren tritt er – ausdrücklich oder latent – in ein Gespräch? Wie verwandelt er diese Quellen und wie bezieht er sich auf sie in seinen Argumentationen? In 24 Beiträgen werden ausgewählte Passagen des Stern der Erlösung auf diese Fragen hin untersucht. Dabei fällt ein neues, oft überraschendes Licht auf Rosenzweigs Denken.
Die Beiträge des Bandes konzentrieren die Auseinandersetzung mit Exilliteratur auf die jüdische Erfahrung von Exil, was dem Thema eine 2.500jährige historische Tiefe und eine entsprechende Vielfalt an literarischen Strategien, mit der Exilerfahrung umzugehen, zuspielt. Zugleich öffnet diese Perspektive Exilliteratur auch für das Spannungsfeld 'Exil und Heimkehr'. Die Aufsätze behandeln deutsche, französische und hebräische Exilliteratur, insbesondere des 20. Jahrhunderts.
Die »Quellenedition zur Geschichte des jüdischen Theaters in Wien« umfaßt 79 Dokumente aus den Jahren 1880 bis 1955, davon wurden 25 Quellen aus dem jiddischen Original übersetzt. Das ausgewählte Material zeigt die Entstehung des jiddischen Theaters und die Intentionen seiner Autoren, die deutschsprachigen jüdischen Theaterinitiativen, die Stellung des Theaters innerhalb der jüdischen und nichtjüdischen Umwelt und die ästhetische Entwicklung der Dramatik. Weitere Abschnitte weisen auf den Einfluß von Politik, Antisemitismus und Exil auf die Entwicklung des jüdischen Theaters und die Biographien der Theaterleute hin. Das jiddische Theater in Wien muß im Kontext der Entwicklung des internationalen jiddischen Theaters gesehen werden, daher wurden einzelne Aufsätze über berühmte jüdische Truppen (die Wilnaer Truppe, das New Yorker Jüdische Kunsttheater, die hebräische Habima, das Moskauer Jüdisch-Akademische Theater Goset) aufgenommen.
Im Anhang der »Quellenedition« finden sich ausführliche Stellenkommentare, biographische Angaben zu Dramatikern und Schauspielern sowie Inhaltsangaben der wichtigsten jüdischen Dramen. Die »Quellenedition« bietet somit einen Einblick in die Arbeit heute im deutschsprachigen Raum großteils vergessener beziehungsweise verdrängter Dramatiker und Schauspieler und einen Überblick über die Entwicklung und Geschichte des jüdischen Theaters, wie es bis 1938 in Wien existierte.
Im Mittelpunkt dieser Untersuchung über die Geschichte des Jüdischen Verlages von seiner Gründung in Berlin 1902 bis zur Vernichtung Ende 1938 stehen zunächst die Firma, ihre Gründer, Geschäftsführer und Besitzer sowie die reichhaltige Buchproduktion. Über die Kontakte mit Institutionen, Autoren und anderen Verlegern ergeben sich darüber hinaus neue Erkenntnisse über den Zionismus und seine Repräsentanten in Deutschland, darunter Martin Buber, David Wolffsohn und Salman Schocken.
Sechs Exkurse beleuchten Hintergründe, Produktion und Rezeption exemplarisch ausgewählter Werke des Jüdischen Verlages. Ein Anhang enthält eine in dieser Vollständigkeit bisher nicht vorliegende Bibliographie aller zwischen 1902 und 1938 im Jüdischen Verlag erschienenen Titel.
»Der Jüdische Verlag ist eine der stärksten Quellen und Antriebe der Förderung des modernen jüdischen Bewußtseins in Westeuropa geworden. Er hat seinem Namen Ehre gemacht; er hat den Juden selbst und auch der Außenwelt, die zum Teil seine Publikationen sehr stark beachtet, gezeigt, daß es ein modernes neues, um sein Leben und seine Wiedergeburt ringendes jüdisches Volk gibt.« (Robert Weltsch, 1937)
Thomas Manns Bild von den Juden folgt dem Auf und Ab der Geschichte und enthüllt diese zugleich, 1897 freilich anders als 1918 oder gar 1933. Übernommene Klischées verblassen und scheinen in Krisenzeiten erneut auf. Als Sohn seiner Zeit neigt Thomas Mann (1875–1955) dazu, mit wissenschaftlich anmutender Akribie biologische Merkmale und Unterschiede aufzuzeichnen. Nicht zuletzt auch aus ästhetischem Interesse umreißt er rassische Wesenszüge einer bunt schillernden Andersartigkeit, ohne jedoch Rassenideologie zu betreiben. So entsteht eine Typologie, die sich wie eine Folge von Variationen über ein und dasselbe Thema laufend wandelt. Auf Grund vermeintlicher Besonderheiten erhalten die Juden in Thomas Manns Denken und in seiner epischen Welt eine Schlüsselstellung an den Dreh- und Angelpunkten der Moderne.
Inmitten der großen Debatten des 20. Jahrhunderts über Krieg, Kapitalismus, Marxismus, Nationalismus, Rassismus sind jüdische Stimmen nicht zu überhören, so daß Motive, die zunächst nur am Rande und zart angedeutet vorkommen, sich nun voll entfalten, Symbolträchtiges mitführen und sich mit den großen Themen des schriftstellerischen Werkes verflechten. Von Naphta und Krokowski im »Zauberberg«, über Joseph und Moses führt eine ununterbrochene Verbindungslinie bis zu Fitelberg und Breisacher im »Doktor Faustus«, wobei sich eine schon längst vorbereitete Parallelisierung zwischen Juden und Deutschen abzeichnet. Das chronologische Vorgehen hebt zugleich Kontinuität und Wandlung von Ansichten hervor, die zunächst von Faszination und Vorurteilen geprägt, sich im Laufe der Zeit verfeinern. Das Augenmerk richtet sich auf die Erhellung von Motivgeflechten und auf die komplizierten Beziehungen und Auseinandersetzungen eines Bildungsdeutschen mit namhaften Juden seiner Zeit. Diese Studie (die französische Orginalausgabe erschien 1995) ergründet eine strukturelle Einheit des Gesamtwerkes, die bisher vernachlässigt worden ist, und leistet einen Beitrag zur Erforschung von Mentalitäten.
In den Jahren zwischen 1933 und 1938 entstand in Deutschland eine vielfältige und vom nationalsozialistischen Regime geduldete jüdische Literatur. Bei der Analyse dieser bisher nicht hinreichend wahrgenommenen Belletristik konzentriert sich die Untersuchung auf die erzählende Literatur, die unter dem Eindruck der gescheiterten Emanzipation und einer fortschreitenden Ausgrenzung und Repression als Reflexionsmedium der historischen Situation fungierte. Die von Juden geschriebene und an Juden adressierte Erzählliteratur der Zeit diente der Selbstvergewisserung und der Positionsbestimmung und bot sich darüberhinaus nicht selten als Handlungsanleitung an. Die Texte werden daher sowohl in einer ausführlichen Übersicht als auch in exemplarischen Analysen - der Werke von Gerson Stern, Rudolf Frank und Jacob Picard - als historische Dokumente ernstgenommen, d.h. die Besonderheiten ihrer ästhetischen Verfahren und Artikulationsmöglichkeiten werden auf der Folie ihres zeitgeschichtlichen Kontextes eingehend untersucht. Dadurch wird eine Literatur sichtbar, die einerseits die nicht zu unterschätzende Bandbreite der innerjüdischen Diskussion widerspiegelt und andererseits den entwürdigenden Zumutungen ihrer nichtjüdischen Umwelt widerspricht. Angesichts der zunehmend prekärer werdenden Situation gehörte dieser literarisch vermittelte Widerspruch zu den wenigen Mitteln, mit deren Hilfe die Juden im nationalsozialistischen Deutschland ihre Würde behaupten konnten.
Der Sammelband dokumentiert die Beiträge eines interdisziplinären Symposiums, das im Dezember 2000 an der Universität Klagenfurt stattgefunden hat. Anhand von exemplarischen Untersuchungen werden unterschiedliche Versionen jüdischer Identität(en) im 19. und 20. Jahrhundert analysiert, wobei die Polyphonie der Diskurse über jüdisches Leben und Denken herausgearbeitet wird. Des weiteren wird die Wechselwirkung zwischen der kulturvermittelnden Tätigkeit jüdischer Intellektueller und der Entstehung bzw. Rezeption der Moderne im mitteleuropäischen Raum dargelegt. Der Schwerpunkt der Analysen liegt im frühen 20. Jahrhundert, in Ausblicken wird auch die Post-Shoah-Epoche in den Blick genommen. Der Untersuchungsgegenstand umfasst die Länder Mitteleuropas mit den Schwerpunkten Wien, Böhmen/Mähren, Ungarn, Bukowina, Galizien, den südslawischen Ländern und Triest.
Indem es die im Wesentlichen unterschiedlichen Selbstwahrnehmungen von drei zeitgenössischen deutschen Schriftstellern jüdischer Abstammung aufzeigt, untersucht dieses Buch eine Reihe deutsch-jüdischer Persönlichkeiten in einem sozio-kulturellen Kontext im wilhelminischen Deutschland. Die Erkenntnis der Art und Weise, wie die kulturelle Identität des Individuums - Moritz Goldsteins (1880-1977) kultureller Zionismus, Julius Babs (1880-1955) Synthese von "Deutschtum" und "Judentum" und Ernst Lissauers (1882-1937) Befürwortung der vollständigen Assimilation - sich als Reaktion auf die Herausforderungen des zunehmenden Antisemitismus ständig wandelte, ermöglicht dem Leser, ein besseres Verständnis der sich entwickelnden Selbstwahrnehmung der deutschen Juden zu erlangen.
Ziel dieser Untersuchung ist es, sich ausgehend von Schnitzlers Bemerkungen in seinen nicht-fiktionalen Werken an sein Selbstverständnis als Jude heranzutasten. Im Mittelpunkt stehen dabei die Tagebücher und Briefe von Arthur Schnitzer (1862--1931), aber auch seine bis zum Jahr 1889 reichende Autobiographie, Interviews sowie vereinzelte Aphorismen und andere Notizen werden miteinbezogen. Die aus diesen Texten ausgewählten Passagen aus einem Zeitraum von mehr als 50 Jahren (1880--1931) präsentieren sich als Kaleidoskop, das sich aus unzähligen, manchmal scheinbar banalen Bemerkungen zusammensetzt und von antisemitischen Spottversen der Nachbarskinder über Kommentare zum politischen Zionismus bis hin zu Beobachtungen führt, wie sich Schnitzlers Zugehörigkeit zum Judentum auf sein Wahlverhalten oder seine vermeintliche Talentlosigkeit als Dramatiker auswirkt.
Schnitzlers jeweils ambivalentes Zugehörigkeitsgefühl zum Judentum, zu Österreich und zu Deutschland bzw. der deutschen Kultur zwang ihn zu einem ständigen Lavieren zwischen unterschiedlichen Positionen der Selbstbestimmung. Er sah sich veranlaßt, sein Recht auf Zugehörigkeit einzufordern, das ihm von >den Deutschen< und >den Österreichern< häufig verwehrt wurde, verteidigte eine >Gemeinschaft<, wenn sie von der anderen falsch beurteilt wurde, und widersetzte sich nachdrücklich den Versuchen, sich ausschließlich für eine dieser imagined communities reklamieren zu lassen.
Der Sammelband umfasst die Beiträge eines im März 2000 an der Hebrew University Jerusalem veranstalteten interdisziplinären Symposiums. Es werden unterschiedliche österreichische Identitätskonzeptionen, die sich im Laufe der facettenreichen politischen und kulturellen Geschichte Österreichs – vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart – herausgebildet haben, in Hinsicht auf ihre ideologischen Zielsetzungen analysiert. Solcherart werden die Brüche, Widersprüche und Mythen österreichischer Geschichte und Kultur sichtbar. Des weiteren werden die heterogenen und vielgestaltigen Modelle und Konstruktionen jüdischer Identitäten dargestellt, die zwischen Emanzipation und Assimilation, Zionismus und Antisemitismus, Moderne und Exil ausgearbeitet wurden.
This essay is offered particularly as a contribution to the relationship between theological and literary writings on the Holocaust. Franz Baermann Steiner’s (1909–1952) detailed sociological work – he taught at the Department of Social Anthropology at Oxford and developed a sociology of danger that strongly influenced Mary Douglas, T. W. Adorno, Iris Murdoch, H.G. Adler and Julia Kristeva – contrasts with Canetti’s emphasis on shock. Canetti’s response to the Holocaust constitutes, in Dominick LaCapra’s terms, an ‘acting out’ of trauma: a comparison between Canetti’s »Masse und Macht« and the anthropological texts he uses brings to the fore his bleak depicton of humanity.
By contrast, Steiner – in comparison to Canetti – lays emphasis on ‘working through’ the Holocaust, that is to say, on overcoming the paralysis of trauma by reflecting critically on values that might transform a damaged society. However, Canetti’s depiction of humanity cannot entirely be seen in LaCapra’s notion of ‘acting out’: for through the shock of ‘acting out’, Canetti nonetheless wants to bring about a ‘working through’. Similarly, despite the ‘working through’ shock and trauma are dramatized in Steiner’s poetry and his aphoristic writings. Morever, Canetti thematizes an ethical impact on his readership in his aphorisms. In response to the Holocaust both writers advance a theory of power: what Steiner calls danger, Canetti attacks as death. Steiner’s and Canetti’s respective responses to the Holocaust consists in a critique of static ways of thought, affirming ‘metamorphosis’, and deconceptualized understanding of the world which connects linguistic fluidity to the everchanging contextualities of social and embodied life.
This is the first academic treatment of the life and work of the German-Jewish writer, Henry William Katz (1906-1992), who was exiled from Nazi Germany in 1933. From a combined literary, historical, biographical and sociological perspective, Ena Pedersen analyses Katz's depiction of the Eastern European Jews in Galicia, Weimar Germany and in exile, focusing on the problems of anti-Semitism, assimilation, German-Jewish symbiosis, and Jewish identity in the Diaspora. Narratorial technique and structuring principles of his works are examined carefully as is the development of themes and characters from his early journalism through to his later fiction. The book further contains the first biography of Katz's life, based on interviews with friends and relatives of Katz in Germany, France and the USA, as well as an analysis of his journalistic articles and political engagement with the SPD in the context of the crisis of left-wing journalism towards the end of the Weimar Republic. Through comparisons with contemporary Weimar journalists such as Alfred Polgar and Kurt Tucholsky, as well as Jewish and non-Jewish writers in exile such as Joseph Roth, Martin Beradt, Lion Feuchtwanger and Ernst Glaeser, Katz is placed within the body of Weimar journalism, German exile literature, and Jewish ghetto literature. Through her analysis of his works, Ena Pedersen shows how Katz conforms to the patterns of German-Jewish exile literature yet stands out from his contemporaries through his focus on the Eastern European Jews, describing in a uniquely personal and yet often sarcastic and critical way the particular concerns and dilemmas of this minority within the German-Jewish community at the time.
Die Arbeit setzt sich mit dem einzigen erhaltenen Artusroman in jüdisch-deutscher Sprache (»Widuwilt«/»Artushof«) und seinem Verhältnis zum »Wigalois« des Wirnt von Gravenberc auseinander. Im Mittelpunkt stehen Fragen eines deutsch-jüdischen bzw. jüdisch-deutschen Literaturtransfers sowie Aspekte der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des jüdisch-deutschen »Widuwilt« und »Artushof«. Ausgehend von der These, derzufolge Juden "fremde" Texte nach ihren spezifischen Bedürfnissen veränderten, erhebt sich die Frage, warum ein gerade so dezidiert christlicher Roman wie »Wigalois« von Juden rezipiert wurde. Es läßt sich zeigen, daß die Kürzungen und inhaltliche Modifikationen der jüdisch-deutschen Überlieferung darauf abzielen, den Protagonisten als einen "jüdischen Artusritter" erscheinen zu lassen. Im aschkenasischen Raum existierte nämlich bereits im 14./15. Jahrhundert eine jüdische Oberschicht, die Kontakt zur nichtjüdischen Umwelt pflegte und Literatur als Mittel der gesellschaftlichen Partizipation bzw. der Repräsentation nutzte. Mit der Verbreitung der Drucke weitete sich auch der Rezipientenkreis des »Artushof«. Die jüdisch-deutsche Erzähltradition wurde seit dem 17. Jahrhundert von deutscher Seite rezipiert, so von Johann Christof Wagenseil, Johann Ferdinand Roth und Ludwig Uhland. Die parallel zur »Wigalois«-Rezeption existierende »Widuwilt«/»Artushof«-Rezeption verdeutlicht, daß es sich bei der Wirkungsgeschichte der Texte um ein Phänomen von langer Dauer handelt.
Die Rekonstruktion der neokantianischen Kulturwissenschaft verfolgt die verschiedenen Begriffstransformationen, die von der Dichothomie von Individuum/Gesetz aus sich entfalten. Es handelt sich um einen krisenhaften Dissoziationsprozeß, in dem das neokantianische Subjekt sich in ein inneres Leben und ein äußeres Gesetz verdoppelt. Damit wird die durch den kategorischen Imperativ legitimierte Kultur zur Sphäre verschiedener Formen von Häresie gegen das Gesetz. Lieferte dabei die Definition der Kultur auf der Grundlage des kategorischen Imperativs ebenso die Legitimation für eine ideale Interkulturalität zwischen Juden und Deutschen, so ist diese jetzt durch den häretischen Imperativ gefährdet, über den sich der Begriff der Kultur retheologisiert und – wegen der Orientierung an Paulus – eben die jüdische Gesetzestheologie mit dem kantianischen Ideal der Gesetzeskultur identifiziert.
Die eigentliche 'Politische Theologie' ist das Signal für die Destruktion der Theologie des Gesetzes. Der Hauptteil des Buches zeichnet in der Gegenüberstellung von Carl Schmitt und Gerschom Scholem diese Destruktion nach. Wird das Judentum bei Schmitt zum Ausdruck einer verborgenen Häresie gegen die christliche Souveränität, so entwirft Gerschom Scholem mit der sabbatianischen Häresie eine Gegenstrategie, die, indem sie den Diskurs der Kulturwissenschaft in einer originär mystischen Grammatik umformuliert, eine politische Theologie der nationalen Rettung darstellt.
Was bewegte jene seit 1938 aus Österreich Vertriebenen, die sich in den Zufluchtsländern USA und Kanada beruflich der deutschsprachigen Literatur zuwandten, damit den ideellen Bodensatz der Täterkulturen Deutschland und Österreich in der fremden Heimat neu bestellten und dergestalt zu Mittlern wurden? Neben praktischen Erwägungen auch die Liebe zur Literatur: zu Kafka, Rilke, Werfel, Schnitzler, Stefan Zweig, deren literarische Welten ihnen mitunter wie die Wiedergewinnung einer besseren, humaneren Heimat erschien. Allerdings bleiben Argwohn und Zweifel gegen die deutsche Literaturwissenschaft (einer Disziplin, die schon während der 1920er Jahre an den Universitäten Deutschlands und Österreichs tatkräftig an der ideellen Nährung deutschnationaler und nationalsozialistischer Kulturideologie mitgewirkt hatte) stets virulent. Zugleich jedoch begehrt die analysierende Erinnerung an Literatur, Philosophie und Kunst dagegen auf, neben den ermordeten Verwandten und Freunden und dem geraubten Besitz auch noch all das zurücklassen zu müssen, worin man sich kulturell, ideell und emotional heimisch zu werden begonnen hatte. »Man konnte uns aus Östereich vertreiben, aber man konnte Österreich nicht aus uns vertreiben.« (Herbert Lederer)
Das Werk befasst sich mit philosemitischen Texten von nicht-jüdischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Der Autor, dessen Werke den größten Teil des relevanten Materials ausmachen, ist Leopold von Sacher-Masoch, aber Werke von Gutzkow, Bettine von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Hebbel, Freytag, Raabe, Fontane, Grillparzer, Ebner-Eschenbach, Anzengruber und Ferdinand von Saar werden ebenfalls untersucht wie auch mehrere Erzählungen (Fabeln) der elsässischen Autoren Erckmann und Chatrian. Es gibt eine kurzes Kapitel über Frauen und Philosemitismus. Das Schlusskapitel lenkt die Aufmerksamkeit auf die Schuldgefühle, die in einer Anzahl dieser Texte zu Tage treten.
Eine Sammlung von Analysen zu Paul Celans übersetzerischem Werk wird in diesem Band den Reflexionen von Übersetzern Celans in andere Sprachen gegenübergestellt. Der Reiz dieser Gegenüberstellung liegt darin, Sprache und Verständnis eines Gedichts einem notgedrungenen Prozess der Transformation zu unterwerfen.
In der Literatur der deutschen Romantik wird die jüdische Mystik auch von christlichen Autoren wie Novalis, F. Schlegel, Brentano, Arnim und E.T.A. Hoffmann entdeckt. Während die Kabbala bei Theologen und Philosophen der Romantik als religiöse Urlehre der Menschheit und als Brücke zwischen rabbinischer Tradition und Christentum galt, fasziniert sie die Literaten als esoterische jüdische Zauber- und Geheimlehre sowie als Trope einer die Rationalität und die Autorenintentionen übersteigenden, magischen Eigenmächtigkeit von Sprache und Schrift.
Sowohl die Rede über die Gruppe der Juden als auch die Rede über die Textsorte Feuilleton sind spezifische Diskurse der Moderne. Deren Interdependenz manifestiert sich in der Gemeinsamkeit der Qualitäten, die ein modernekritischer antisemitischer Diskurs den Phänomenen zuschreibt. Die Behauptung von der 'Verjudung' der Moderne, die Behauptung von der 'Modernität' des Feuilletons, das den Diskurs der 'Jüdischkeit' reproduziere und den 'Verfall der Werte' ebenso verkörpere wie den 'Niedergang der Kunst', zeugen darüber hinaus von der Funktionalisierbarkeit der besprochenen Phänomene für den Herrschaftsdiskurs. Neben der differenzierten Aufarbeitung der diskursiven Implikationen der Komplexe 'Judentum', 'Moderne' und 'Feuilleton' vor dem Hintergrund der aktuellen Studien aus Modernetheorie, Alteritätstheorie und Ästhetikgeschichte unternimmt es die Untersuchung vor allem, das Zusammenwirken von politischen und literarästhetischen Diskursen der Moderne am konkreten Text nachzuweisen. An den Feuilletons von Moritz Gottlieb Saphir, Ferdinand Kürnberger, Sigmund Schlesinger, Friedrich Schlögl, Karl Landsteiner, Betty Paoli, Daniel Spitzer, Ludwig Speidel und Theodor Herzl interessieren in diesem Sinne auch jene Literarisierungsstrategien, die zur Bestätigung bürgerlich-liberaler Identitätskonzepte eingesetzt werden. Die Analyse von Denkfiguren, die dem nationalistischen, misogynen und rassistischen Diskurs zugrunde liegen, erscheint dabei als einzige Möglichkeit, die untersuchten Bilder nicht selbst in der Untersuchung fortzuschreiben. In Nutzung des ideologiekritischen Potentials poststrukturalistischer Diskursanalyse wird auch in erster Linie die Frage nach der Ideologiehaltigkeit und Veränderbarkeit der Diskurse gestellt, werden die semantischen Mittel eines Textes jeweils auf ihre politische Funktion überprüft.
This study focuses on the emergence of a modern Jewish national literature and culture within the parameters of Zionism in Vienna and Berlin at the turn of the last century. Prominent figures associated with early modern Zionism, including Theodor Herzl, Max Nordau, and Martin Buber, were also writers and literary or cultural icons within the Central European, Germanic-Austrian cultural environment of the fin-de-siècle. More important, Cultural Zionism promoted young Jewish literary and artistic talent as part of its ideology of a modern Jewish Renaissance. A corpus of German-language Jewish-national poetry and literature, as well as mechanisms for its dissemination and reception, developed rapidly. Most of this literary and cultural production has been forgotten or suppressed. Productive, if often unlikely, partnerships between Jewish national poets and artists and Central European cultural figures and movements were forged in this context. Facets of Central European cultural life, which were somewhat oppositional to traditional Jewish culture were received, absorbed, or transformed within Cultural Zionism. For example, the relationship of German racialist thought and German-nationalist fraternity life to early Jewish-national expression is a largely unknown chapter of early Jewish-national cultural history. The same can be said for the impact of feminist, counter-culture, and bohemian circles in Berlin on Cultural Zionist personalities and their work.
Bislang sieht man – auch in der literaturwissenschaftlichen Forschung – die Situation der jüdischen Bevölkerung Böhmens fast ausschließlich durch den Spiegel der Prager Literatur um die Jahrhundertwende. Doch ihr berühmtester Exponent, Franz Kafka, gehörte bereits der dritten Generation deutschschreibender Juden an. Mit vorliegender Studie wird den frühen jüdischen Schriftstellern dieser Region, darunter, als den bekanntesten, Leopold Kompert (1822–1886) und seinem mährischen Kollegen Eduard Kulke (1831–1897) erstmals eine eigene Untersuchung gewidmet. Ihre Ghettogeschichten repräsentieren, wiewohl mit der von Berthold Auerbach popularisierten Dorfgeschichte verwandt, eine genuin jüdische Literaturgattung und bilden eine unverzichtbare Quelle für die kulturhistorische Erforschung jüdischen Lebens im Zeitalter der Emanzipation. Im Rahmen der methodisch an der Grenze zwischen Literatur- und Kulturgeschichtsschreibung angesiedelten Studie lassen sich auch Heinrich Heines berühmtem Fragment Der Rabbi von Bacherach (1840), das von den Zeitgenossen als 'Vorbild' der Ghettoliteratur betrachtet wurde, neue Aspekte abgewinnen. Nicht zuletzt wird damit ein Beitrag zur Erforschung minderheitlicher Assimilations- bzw. Akkulturationsstrategien geleistet. Ein Ausblick auf das KZ Theresienstadt als neuem 'Ghetto des Todes' auf böhmischem Boden und die in der Folgezeit entstandene autobiographische Literatur schließt die Untersuchung ab.
Die Beiträge dieses Bandes gehen auf ein Symposion zurück, das 1994 vom Franz-Rosenzweig-Forschungszentrum der Hebräischen Universität in Jerusalem veranstaltet wurde. Ziel war die Erarbeitung eines methodischen Rahmens zur Analyse deutsch-jüdischer Interkulturalität. Im Mittelpunkt stand der Versuch einer Definition des 'Zwischenraums' zwischen zwei Kulturen, der einerseits die Bedingung für mögliche kulturelle Erneuerung darstellt, andererseits aber auch für die realen Katastrophen im Kontext interkultureller Begegnungen. Die Problematik interkultureller Übersetzung ist ihrerseits als Theorie und Praxis dieses 'Zwischenraums' zu verstehen, insofern sie im Zwischenraum zwischen Übersetzbarkeit und Unübersetzbarkeit angesiedelt ist.
Die Beiträge dieses Bandes gehen auf ein internationales und interdisziplinäres Symposion zurück, das im Oktober 1994 von der Bibliothèque Nationale Luxembourg in Verbindung mit dem Leo Baeck Institute London, dem Lehr- und Forschungsgebiet Deutsch-jüdische Literaturgeschichte der RWTH Aachen und dem Department of Hebrew and Comparative Literature der Universität Haifa veranstaltet wurde. Es ging um die Frage, welche Varianten es in Mitteleuropa im Zeitraum zwischen etwa 1870 und dem "Dritten Reich" bzw. dem Beginn des Zweiten Weltkriegs gab, sich persönlich wie kollektiv als Jude wahrzunehmen und ggf. zu definieren.
Der Autor Gustav Landauer (1870-1919) gehört zu jenen Persönlichkeiten der politischen und literarischen Jahrhundertwende, deren Bedeutung für die deutsch-jüdische Moderne weitgehend unbeachtet blieb. Der Anarchist und Lebensreformer, der Literat und Theaterkritiker, der Freund Martin Bubers und Vordenker der kulturzionistischen Bewegung hat ein Werk hinterlassen, das in seinen vielfältigen, oft spannungsreichen Aspekten noch zu entdecken ist. So setzen sich die Beiträge in diesem Band mit ganz unterschiedlichen Aspekten auseinander: Einige widmen sich den Einflüssen auf Landauer und seinen Vorlieben, seiner Goethe- und Spinozalektüre, seinen frühen literarischen Versuchen, andere zeichnen bislang unbekannte Wirkungslinien nach, so zu dem Psychoanalytiker Karl Landauer, dem Mathematiker Felix Hausdorff, dem Theologen Paul Tillich. Die politische Botschaft des Revolutionärs der Münchner Räterepublik in ihrer Problematik und der utopische Impuls seiner Ideen für die Weimarer Jahre werden analysiert. Andere Beiträge beschäftigen sich mit dem geistesgeschichtlichen Kontext der deutsch-jüdischen Moderne, deren Linien in fast allen Beiträgen bis hin zur Vernichtung und Vertreibung ihrer Vertreter durch die Nazis sichtbar werden.
Hitlers Machtergreifung setzte eine Zäsur in der über 180jährigen deutsch-jüdischen Pressegeschichte. Ihr Ende kam fünf Jahre später. Nach dem Novemberpogrom von 1938 verboten die Nationalsozialisten die bis dahin erscheinenden etwa 100 jüdischen Periodika. Von 1938 bis 1943 ließen sie als einziges und letztes Mitteilungsorgan ein "Jüdisches Nachrichtenblatt" zu, das die jüdische Bevölkerung u.a. von den nächsten Zwangsmaßnahmen unterrichtete. Die Arbeit versucht Klarheit in die wirre rechtliche Situation der jüdischen Presse und der Menschen, die für sie arbeiteten, zu bringen. Daß (methodische) Willkür nicht von Beginn herrschte, die nationalsozialistische Seite sich statt dessen anfänglich einen gewissen Argumentationszwang auferlegt hat, zeigt ein Blick in Gerichtsakten und Fachorgane. Was mit der jüdischen Presse geschehen sollte, dafür gab es keinen Plan. Sie wurde vom 'Sonderreferat' des Reichskulturwalters Hinkel streng überwacht, unterlag dennoch bis 1938 - wie die nichtjüdische Presse auch - nicht der Vor-, sondern der Nachzensur. Auf die zentrale Stellung des zwiespältigen Hans Hinkel im kulturellen wie im alltäglichen jüdischen Leben geht die Arbeit ausführlich ein. Anhand von Inhaltsanalysen der vier wichtigsten und größten jüdischen Zeitungen stellt die Autorin entlang einer 'Typologie jüdischen widerständischen Verhaltens' die Frage nach der Möglichkeit geistigen Widerstands. Kurzmonographien, eine tabellarische Zusammenstellung aller auffindbarer Titel jüdischer Periodika, die während des Dritten Reichs erschienen sind, Personenverzeichnis und Kurzbiographien machen die Arbeit als Nachschlagewerk nutzbar.
In behutsamen Analysen ausgewählter dramatischer Szenen von Nelly Sachs (1891-1970) - "Abram im Salz", "Beryll sieht in der Nacht", "Der magische Tänzer" - werden die jüdischen, sprachphilosophischen und ästhetischen Traditionen herausgearbeitet, die für das szenische Werk der Dichterin von Bedeutung sind. Die Texte selbst stellen einen in sich komplexen künstlerischen Reflexionsprozeß über die Grenzen lyrischen und dramatischen Sprechens dar. Eine kritische Lektüre von Walter Benjamins und Peter Szondis Arbeiten zur Sprache und zum Drama des 20. Jahrhunderts bildet die Basis für theoretische Probleme moderner Dramatik, die in den dramatischen Texten von Nelly Sachs in Szene gesetzt werden. Das intersubjektive dialogische Zwischen verschiebt sich bei ihr zum intra- und intersprachlichen Zwischen, das durch die Abgründe, die sich zwischen verschiedene theatralische Medien schieben, eingekreist wird. Mit der Konzentration auf einzelne Texte der von der Shoah zutiefst betroffenen Dichterin stellen die Analysen das dramatische Werk in den Kontext der aktuellen Diskussionen über die obsessiv gegenwärtige Erinnerung angesichts eines universalen Verlusts idealistischer Utopien.
Die Beiträge dieses Sammelbands, entstanden im Zusammenhang eines internationalen Symposions der Universität Haifa, kreisen um ein zentrales Thema der deutschen, europäischen und auch amerikanischen Literatur, nämlich die Frage, wie sich in der Spannung von säkularer Kultur und Gesellschaft einerseits, jüdischer Tradition und Religion andererseits, jüdische Selbstdefinition im Positiven wie im Negativen vollzieht. Das breite Spektrum der mehrheitlich deutschsprachigen Autoren führt zwangsläufig zu ganz unterschiedlichen Antworten auf die gestellte Frage. Der Band ist dem Andenken des israelischen Literaturwissenschaftlers Chaim Shoham gewidmet.
Die der Tel-Aviver Literarhistorikerin Margarita Pazi gewidmete Reihe neuer Studien zu jüdischen Autoren aus Österreich (darunter Franzos, Beer-Hofmann, Schnitzler, Broch, Roth, Kisch, Brod, Canetti, Celan, Ausländer) soll einer gewissen Tendenz zur Enthistorisierung in der Beurteilung ihres Werks entgegenwirken. Denn sie alle sind mehr oder weniger geprägt von der Eigenart des österreichischen Habsburgerreichs mit seinen vielfältigen literarischen Landschaften, die bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg weitergewirkt hat.
Mit den im Jahre 1878 von Richard Wagner gegründeten "Bayreuther Blättern" wird eine Zeitschrift untersucht, die in ihren 61 Jahrgängen auf mehr als 20.000 Textseiten sowohl der Wagner-Forschung als auch zahlreichen anverwandten Forschungsgebieten reichhaltiges Material bereitstellt. Die Zeitschrift ist als literarisches Zentrum der von Bayreuth ausgehenden Kulturbewegung anzusehen und stellt eine bedeutsame publizistische Quelle des Deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reiches dar. Unter dem thematischen Schwerpunkt "Rassismus, Antisemitismus und Deutschtum in den "Bayreuther Blättern" wird die ideologiebildende Funktion der Zeitschrift nachgewiesen. Dabei wird zunächst die Entstehungs- und Gründungsgeschichte aufgearbeitet und neben formalen Aspekten wie Umfang, Aufbau und Konzeption die bildungsbürgerlich dominierten Adressaten- und vor allem Mitarbeiterkreise erschlossen. Die Analyse von Richard Wagners eigenen rassistischen, antisemitischen Artikeln für die "Bayreuther Blätter" mündet ein in die Darstellung des in der Zeitschrift manifesten Antisemitismus in seinen verschiedensten Spielarten und der damit korrespondierenden Strömungen, so des deutschen Nationalismus, Antidemokratismus, Kolonialismus. Abschließend wird das unmittelbare Verhältnis Bayreuths und der "Bayreuther Blätter" zum Dritten Reich, zu Hitler und der nationalsozialistischen Bewegung dargestellt. Im zweiten Teil der Studie wird durch ein alphabetisches Verfasserregister der fast 450 Mitarbeiter und ein systematisches Schlagwortregister zu annähernd 500 Schlagworten die Zeitschrift bibliographisch und inhaltlich erschlossen. Die Register bilden so ein detailliertes, informatives und zuverlässiges Forschungsinstrument.
Das Ziel dieses Buches besteht darin, die Beziehung zwischen Ideologie und Mythos zu untersuchen und ihre unterschiedliche Funktion im faschistischen und antifaschistischen Drama. Alle besprochenen Dramen sind als ein paradigmatisches Zusammentreffen von Mythos und Ideologie gestaltet, koordiniert durch eine zentrale und homogene politische Idee. Der Unterschied zwischen ihnen liegt in ihrer faschistischen bzw. antifaschistischen Haltung. Die analysierten Dramen wurden wegen der Behandlung eines gemeinsamen thematischen Ur-Mythos ausgewählt: der Nacherzählung der Rückkehr des verlorenen Sohnes und der Geschichte der Kreuzigung aus dem Neuen Testament. Die "verlorene Gruppe" enthält Dramen von Franz Theodor Csokor, Ernst Wiechert und Max Frisch, die "Opfergruppe" Dramen von Otto Erler, Rainer Werner Fassbinder und George Tabori. Als einleitende Analyse wird in zwei Dramen, die in der vor-nationalsozialistischen Epoche geschrieben wurden, das Thema des Künstlers und seiner Mission behandelt: "Der Einsame. Ein Menschenuntergang" von Hanns Johst sowie Bertolt Brechts Reaktion auf dieses Drama in "Baal". Eine abschließende Analyse setzt sich mit der Verschmelzung von Mythologemen und Ideologemen auseinander. Sie wird in zwei Dramen, die sich mit dem Neuen Mythos Germania von Richard Eutinger und Heiner Müller beschäftigen, aufgezeigt.
Die Arbeit unternimmt erstmals den Versuch, die Entstehung und Ausprägung deutschsprachiger Ghettoliteratur vornehmlich des 19. Jahrhunderts unter bewußter Aussparung jiddischer Texte in einem größeren literarhistorischen Kontext darzustellen. Der Begriff 'deutschsprachige Ghettoliteratur' verweist dennoch primär auf einen grenzüberschreitenden Charakter des Genres, denn im Verlauf des o.g. Zeitraums wurden Ghettoerzählungen im gesamten deutschen Sprachraum publiziert, der sich in dieser Epoche bis weit nach Osteuropa hinein erstreckte. Literaturhistorisch steht dieses spezifisch jüdische Genre im Zusammenhang mit der sich seit den 1830er Jahren entwickelnden Regionalliteratur und deren Trivialisierung und fand im Gegensatz zur gleichfalls regional geprägten Dorfgeschichte daher primär jüdische Leser. Die lokalen Akzente waren dabei durchaus unterschiedlich: zu verschieden waren die historischen Erfahrungen der Autoren, die in Deutschland vorwiegend aus den preußisch besetzten Gebieten Polens stammten und in den böhmischen Ländern der Habsburgermonarchie naturgemäß andere Bedingungen vorfanden als in Galizien, in dem sich die jüdische Aufklärung nur sehr langsam verbreiten konnte. So ist das Genre jenseits seines Stellenwertes in der Literaturgeschichte immer auch ein wichtiges Zeugnis der höchst unterschiedlichen Entwicklung des mitteleuropäischen Judentums in Bezug auf Fragen der Emanzipation und Akkulturation, auf die sich auch die innerjüdischen Debatten über Fragen religiöser Reform beziehen. Aus jüdischer Sicht wurde das Genre auf diese Weise fast ausschließlich als Artikulationsphänomen der jüdischen Emanzipations- und Akkulturationsepoche gewertet und stellt sich heute damit gleichsam als literarische Antwort jüdischer Autoren auf die zentrale Frage nach den Möglichkeiten jüdischer Emanzipation und Identität im 19. Jahrhundert dar.
Der Dichter und Literaturwissenschaftler Ludwig Strauß (1892 in Aachen geboren und 1953 in Jerusalem gestorben) repräsentiert in seinem Leben und Werk die Symbiose deutscher und jüdischer Kultur in einer selten begegnenden Reinheit. Der hier vorgelegte Sammelband zu Leben und Werk von Strauß, herausgegeben von dem ersten Inhaber der am Germanistischen Institut der RWTH Aachen etablierten 'Ludwig-Strauß-Professur für deutsch-jüdische Literaturgeschichte', umfasst Aufsätze, die aus Anlass seines 90. und seines 100. Geburtstages entstanden. Außerdem enthält er eine umfängliche Bibliographie der Quellen und der Sekundärliteratur. Damit besteht nun die Möglichkeit, die Persönlichkeit des Dichters und Literaturwissenschaftlers Strauß in ihren verschiedenen Facetten neu oder vertiefend kennen zu lernen.
Bisher ist die Beziehung Else Lasker-Schülers zu ihrer letzten Lebensstation Palästina in der Regel unter dem Aspekt einer Diskrepanz zwischen verklärender Dichtung und ernüchternder Realität gesehen worden. Die vorliegende Studie geht die Frage von einer anderen Sichtweise her an: Zunächst wird die Ambivalenz von Sehnsucht und Furcht aufgezeigt, die sich aus Else Lasker-Schülers Äußerungen jeweils schon vor ihren Reisen in den Jahren 1934, 1937 und zuletzt 1939 ablesen lassen. Hinzu kommt, daß sie das Land selbst als Ort der Transgression, d.h. in der Dynamik des Übergangs zwischen verschiedenen Polen (Himmel/Erde, Bibel/Moderne, Jüdisches Dasein in der Diaspora/Politische Autonomie), wahrnimmt. Zugleich setzt Palästina eine intensive Auseinandersetzung der Dichterin mit dem eigenen literarischen Rollenspiel und der in ihrer früheren Dichtung zentralen Selbstmetaphorisierung frei. Anstelle der Mischfigur "Jussuf" (einer Verfremdung des biblischen Joseph), die großenteils ihre frühere Dichtung und Selbstdarstellung geprägt hat, gewinnt zusehends der König David an Bedeutung, welcher der jüdischen Tradition zufolge nicht nur Stadtvater von Jerusalem, sondern auch Vorfahre des erlösenden Messias ist. So schafft sie in der 'Urheimat' Palästina in den Jahren der Auslöschung der europäischen Judenheit eine neue Definition des Heimatbegriffs: Heimat nicht primär als Ort des persönlichen Ursprungs, sondern als Erfüllungsbereich einer letzten Erwartung.
Ihre einst dominante Rolle in den Gattungssystemen der europäischen Literatur hat die literarische Aphoristik eingebüßt. Diese Studie will begründen, warum zeitgenössische Aphoristik traditioneller Art oft epigonal ist, und zeigen, wie der Dichter Elazar Benyoëtz mit ihren Konventionen bricht. Denn wie in ungleich breiteren Strömungen der jüngeren Philosophie wird in Benyoëtz' Werk der individuelle 'Andere' gegenüber dem 'Selbst' aufgewertet. Wird 'der Andere' in der traditionellen Aphoristik vorwiegend über die Entlarvung kollektiver Klischees angesprochen, so nutzt Benyoëtz dieses Individualisierende aphoristischer Rede zu einer Individualisierung 'des Anderen'.
Das gegen »Kahlheit der Aufklärung« (Hegel) gerichtete religiöse Interesse vieler Autoren der deutschen Romantik an Naturphilosophie, Magie und Pantheismus, an mystischer Sprachtheorie und Symbolik, an Theogonie und Kosmogonie lässt sie die Kabbala wiederentdecken. Die jüdische Mystik wird zur religiösen, philosophischen und künstlerischen Inspirationsquelle, aber auch zum Gegenstand wissenschaftlicher und weltanschaulicher Auseinandersetzung bei jüdischen und besonders christlichen Romantikern. Der bislang so gut wie nicht erforschte Zusammenhang und die Wechselbeziehungen von Kabbala, Wissenschafts-, Literatur- und Geistesgeschichte der Romantik waren 1991 Thema von zwei interdisziplinären Tagungen an der Universität Kassel und der Hebräischen Universität Jerusalem.
Die erste umfassende Monographie zu Richard Beer-Hofmann (1866-1945), des neben Hofmannsthal und Schnitzler bedeutendsten Dichters der Wiener Moderne, gliedert sich in drei Teile: Teil I gibt eine Darstellung des Gesamtwerks, Teil II eine ausführliche Interpretation des »Tod Georgs«. Teil III schließlich markiert die Bezüge dieses Romans zum philosophischen Diskurs der Jahrhundertwende (Sprachkrise, Empiriokritizismus, Monismus, Gestaltpsychologie, Traumdeutung, Mythos-Theorie) und zeichnet erstmals die literarischen Zusammenhänge zwischen Beer-Hofmann und zentralen Autoren der Jahrhundertwende nach (Hofmannsthal, Schnitzler, Andrian, Bahr, George, Rilke, Borchardt). Ideelles Zentrum für Beer-Hofmanns dichterisches Selbstverständnis ist das seit Ende der 90er Jahre offen und selbstbewusst vertretene Judentum.
Ein beträchtlicher Teil der Exil- und Emigrationsliteratur des 20. Jahrhunderts stammt von jüdischen Autorinnen und Autoren. Gleichwohl scheint das jüdische Moment hinter den allen Exilanten gemeinsamen Erfahrungen (Akkulturationsprobleme, antfaschistisches Engagement) zurückzutreten oder für das literarische Werk sich zumindest nicht prägend auszuwirken. In der Exilliteraturforschung wurde jedenfalls diese Frage bisher kaum diskutiert. Eine erste Annäherung bieten die Aufsätze dieses Sammelbandes, die auf ein im Mai 1989 veranstaltetes Symposium der Abteilung für deutsche Sprache und Literatur an der Hebräischen Universität Jerusalem zurückgehen.
Ausgehend von einer Kritik der bislang für die Perutz-Forschung herangezogenen Theorien zur Phantastik und zum historischen Roman versucht der Autor, Perutz' besondere Konzeption des historischen Romans zu verdeutlichen.
Dieser Band enthält die Vorträge, viele davon wesentlich erweitert und überarbeitet, die auf einer internationalen, 1990 an der Ben-Gurion Universität in Beersheva abgehaltenen Konferenz referiert wurden. Analysiert werden unter Verwendung der methodologischen Richtlinien und Erkenntnisse der ästhetischen Rezeption eine Reihe jüdischer Interpretationen Heinescher Werke sowie seine komplexe literarische Persönlichkeit. Der größte Teil des Buches besteht aus Untersuchungen seines Einflusses auf wichtige Persönlichkeiten, wie Sigmund Freud, Karl Marx, Theodor Herzl, Max Nordau, Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Lion Feuchtwanger und Max Brod. Außerdem enthält es Heine-Interpretationen von weniger bedeutenden oder vernachlässigten jüdischen Schriftstellern und Dichtern, wie zum Beispiel Aron Bernstein und Fritz Heymann, und sowohl von jüdischen Autoren der hebräischen und jiddischen Literatur als auch von jüdischen Lesern anderer nationaler Leserschaften wie zum Beispiel der amerikanischen oder kroatischen. Im Verlauf dieser Analyse ist natürlich auch der Begriff der jüdischen Rezeption selbst einer kritischen Prüfung unterzogen worden.